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Und die Liebe ist mein Atem - April 3, 2024

Und die Liebe ist mein Atem 10

Am Morgen des nächste Tages trat mir in einem kleinen Dorf ein Gelehrter entgegen. Er sagte: “Ich weiß, ich weiß, was Du nicht weißt und das ist gut.” Ich fragte ihn, warum es gut sei, mehr zu wissen, als all die anderen Menschen und warum er sich so sehr über seinen Wissensvorsprung freute. Der Gelehrte antwortete: “Ich weiß nicht, warum ich mich freue, doch macht es mich größer, als Du bist. Denn mein Wissen werde ich Dir nicht geben. Meine Weisheit wirst Du nicht erlangen. Nicht durch mich.”

So sagte ich ihm: “Aber eben hast Du doch selbst gesagt, Du würdest nicht wissen, warum Du Dich freust. Ist es nicht das Wissen um Deine begrenzte Weisheit, die Dich wirklich wissend macht?” Der Gelehrte aber fühlte sich durch mich provoziert und geriet außer sich. Der Zorn packte ihn und wütend spuckte er aus. “Du zeigst keinen Respekt vor dem Wissen des Meisters! Du bist nicht würdig, die Worte des Unwissenden an die Ohren des Weisen zu richten! Hinfort mit Dir!” Doch besonnen und zutiefst berührt von der Gewissheit um meine Unvollkommenheit sprach ich: “Du nennst Dich einen Meister? Du forderst den Respekt des Weisen? Nur die Bereitschaft zur wissentlichen Hingabe, und der Befruchtung Deines Nächsten mit der Flut Deines Wissens machen Dich reich und groß. Deine Eifersucht und der Neid auf den Könner zeigen Dich dumm und lassen Dich ersterben. Dein Wissen wird verloren sein, wie der eine Tropfen auf der Glut des brennenden Berges. Der willige und gerechte Meister bist Du nur, wenn Du die tausend Fragen des Wissbegierigen freudig beantwortest. Denn jede Deiner Antworten lässt Dich im Ansehen des Fragers wachsen.”

Die Hände faltend kniete der Gelehrte vor mir nieder und rief flehend: “Nenne Deinen Namen, sage, was Du bist! Ich muss wissen, woher Du weißt, was ich nicht weißt!” Ich aber antwortete: “Mein Name ist Manu. Manu, wie die Sonne. Manu, wie das Meer. Manu, wie die Woge. Weißt Du? Manu, wie alles, das man lieb hat. Einfach – Manu. Und: Was ich bin, weiß ich nicht. Doch weiß ich, dass ich am Ende meiner Tage wissen werde, was aus mir geworden ist. Mein Vater wird mich erleuchten, meinen vom Leben geschundenen Körper umarmen, mich küssen und mir den Grad meines Wissens nennen. Bis dorthin ist nicht mehr viel Zeit. Ich werde auf dem Weg zur Weisheit eilen. Jede Sekunde werde ich sein, als wäre es die letzte meines Lebens. In Dankbarkeit und Respekt für die Begrenztheit meines Wissens werde ich lernen, andere durch mich wissend zu machen.”

Der neidvolle Gelehrte aber sank in sich zusammen, schluchzte und verlor sich in der Mutlosigkeit des enttäuschten Habgierigen.

So erlebte ich den Untergang eines Weisen, dessen Namen ich nicht kannte, zumal er nicht wusste, wie gerne ich gewusst hätte, was ihn weise machte.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten