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Und die Liebe ist mein Atem - April 3, 2024

Und die Liebe ist mein Atem 09

Und am Abend desselben Tages traf ich auf einen Schuldner. Er hob die Hand und bat mich um eine Gabe. Sein Blick war der eines gebrochenen Mannes. Er hatte wohl schon Arges erlebt mit all den Menschen, denen er Hab und Gut schuldig geblieben war.

Ich setzte mich zu ihm in den Staub des Weges und bat ihn, mir seine Geschichte zu erzählen. Und so begann er mit zittriger Stimme: “Als ich einst noch zu den Reichen zählte, da grüßte man mich morgens, mittags und abends. Man hob die Hand und winkte mir zu. Die Leute kamen, um mich zu besuchen. Sie alle hatten Freude daran, sich mit mir zu zeigen. Es gab einst Feste und Gelage, die man nur mir zu Ehren abhielt. Man rief meinen Namen in den Gassen und auf den Plätzen der Märkte. Die Leute handelten mit meinen Waren und verkauften das Getreide, das ich als Ernte eingebracht hatte. Sie priesen mich als einen großen Mann des Landes und hießen mich achtungsvoll einen Wohltäter. Es war eine wundervolle Zeit, die man mir einst gab.

Doch als ich eines Abends vom Feld kam, da stand mein Hof in Flammen. All die vermeintlich guten Geister, die vor Zeiten in meinem Dienst gestanden hatten, waren bereits zu anderen Herren gelaufen, um dort um Tagelohn zu bitten. Dem nicht genug: Da alles, was meinen Bediensteten und mir einst ein sorgenfreies Leben bescherte, ein Raub der Flammen wurde, konnte ich natürlich auch nicht die Löhne ausbezahlen. Die, deren Familien vor Wochen noch von meinem Brot aßen, von meinem Wein tranken und sich der feinsten Stücke des besten Käses, den ich je bereitet hatte erfreuten, kamen mit Pfändern und Geiern und holten sich, was mir den Fortbestand meines Lebens ermöglichen sollte. Man nahm mir das Letzte – fast. Denn als ich sie, die kamen, um sich zu holen, was ihnen nicht gehörte, von weitem sah, vergrub ich unter der Asche meines Hauses mein allerliebstes Buch. In diesem Buch war geschrieben, was mir einst die großen Einsichten und so ein glückliches Leben brachte. Vieles hatte mich dieses Buch gelehrt. Und so bewahrte ich es vor den gierigen Fängen dieser geistlosen Nehmer.

Einer aber, der vor langer Zeit ein Vertrauter war, erinnerte sich dieses Buches und forderte es oftmals von mir ein. Ich aber hielt das, was mir das Wichtigste war, verborgen. Und so sitze ich heute hier und warte auf den täglichenB esuch der Gerichte.

Seine Geschichte war eine besonders bewegende. Und so konnte ich nicht anders, als ihm zu raten, auch noch das letzte Stück seines Besitzes zu geben. Denn mir war klar, was man ihn mit seinem Schicksal lehren wollte. Er aber, der nun schon lange Zeit im Staub der Wege zu Hause war, wollte nicht verstehen, weshalb er auch noch sein liebstes Buch geben sollte. Deshalb sprach ich zu ihm: “Sieh nur, sieh doch, wie weit sie es mit Dir getrieben haben. Tatsächlich kommen sie doch nur deshalb, weil das Nehmen von einem, der einst zuteilte und gerecht gab, besonders leicht fällt. Nun aber, wo man Dir entreißt, kennen sie keine Scham mehr. Und deshalb stehlen sie, was nicht fest ist. Gib ihnen also, was zu erbitten sie nicht imstande sind. Schenke ihnen, was sie ohnehin nicht benötigen. Denn all die weisen Sprüche des Buches, das Du so sehr schätzt, verstehen sie nicht und werden ihnen auch niemals zur Freude gereichen. Wenn Du ihnen hingegen freudig gibst, werden sie sich erinnern, wer einst die Mahlzeiten bereitete, bevor noch das Feuer ausbrach.”

Und als sein einstiger Vertrauter erneut zu ihm kam, um die letzte Habe, das Buch nämlich, zu fordern, hob es der Schuldner aus dem Staub, säuberte es und gab es mit Freuden an den früheren Bediensteten. Dann sagte er: “Hier, was Du von mir forderst, schenke ich aus freien Stücken. Was mir das letzte Gut war, soll von nun an Dir gehören. Nimm, gehe und bete, dass der Hof Deines neuen Herren nicht Feuer fängt. Es könnte das letzte Gehöft gewesen sein. Gehe.”

Der einstige Bedienstete des Schuldners fand keine Worte. Er schien sich seiner Gier bewusst und ging. Doch der Staub des Weges nahm dessen Tränen der Scham begierig auf. Aber die Tränen vermochten es nicht, den Staub des Weges zu löschen.

Der Schuldner aber erhob sich aus seinem Schmerz, legte die schmutzigen Kleider der Vergangenheit ab und bebaute seine Felder neu. Seine Zukunft war groß und glücklich.

So erkannte ich also die Bedeutung von Hab und Gut für die Menschen, denen Vergebung und Nachlass nicht wichtig waren.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten