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Und die Liebe ist mein Atem - April 1, 2024

Und die Liebe ist mein Atem 07

Und am Abend des nächsten Tages traf ich auf einen Baum. Es war ein stattlicher, fast riesenhaft großer und wunderschöner Baum. Ich saß stundenlang in seinem Schatten, genoss den herrlichen Duft seines Laubes und erfreute mich des Gesangs der Vögel, die in seinem Geäst wohnten.

Die Vögel hatten kunstvolle Nester gebaut und waren am Brüten. Bald sollte es wohl soweit sein, denn die Zeit war gut. Als ich also so unter diesem wunderbaren Baum saß und über das bisher Erlebte nachdachte, räusperte sich der Baum plötzlich und fragte: “Verstehst Du meine Sprache?” Ich antwortete etwas überrascht über diese Frage: “Natürlich verstehe ich Dich. Wieso sollte ich Dich denn nicht verstehen?” Der Baum antwortete etwas gereizt: “Naja, weil Du aussiehst, als wärst Du ein menschliches Wesen. Nicht wahr?” Und so sagte ich: “Ja, aber nur weil ich aussehe wie ein Mensch, heißt das noch lange nicht, dass ich Mensch bin. So könnte ich doch auch ein guter Geist im Körper eines Menschen sein. Viele habe ich schon getroffen, die wie ich die Gestalt eines Menschen annehmen mussten, um die Menschheit zu verstehen. So ist also jeder das, was er sein will. Und Du, lieber Baum, was möchtest Du sein?”, fragte ich. “Ich will immer sein.”, sagte der Baum. So sprach ich: “Aber Du bist doch. Was willst Du mehr?” Nun wurde der Baum nachdenklich. Bald ließ er seine Blätter im Wind rauschen, richtete seine Äste und Zweige in den aufkommenden Sturm und sprach: “Sieh nur, da, wo der Wind den Staub hinträgt, dort leben sie. Von da werden sie kommen, um meinen Stamm zu zerschlagen, meine Wurzeln aus der Erde zu hauen, meine Äste zu knicken und meine Blätter ins Feuer zu werfen. Schon morgen werden sie kommen. Morgen schon!”

Nun sah ich, dass mein neuer Freund, der Baum, trotz seiner Stattlichkeit und Größe Angst vor den Sägen und Äxten der Menschen hatte. Mir wurde klar, dass seine Furcht vor dem Schlag der Klinge größer war, als der Glaube an sein ewiges Leben. Und deshalb sagte ich zum ihm, diesem furchtsamen Riesen: “Sieh nur, wie ängstlich Du bist. Sieh doch! Vielmehr solltest Du an die Kraft der Liebe und des Lebens glauben. Nicht die Äxte und Sägen der Menschen sind es, die Dich zerschlagen und Dir den Saft rauben, sondern Dein eigener Unglaube. Und wenn sie, die meinen, dass sie mächtig sind, auch Deinen Stamm zerschlagen, Deine Äste knicken und Dein Blattwerk ins Feuer werfen: Deine Seele werden sie nie bekommen! Denn Du bist frei und nicht greifbar für die, die sich selbst nicht begreifen.”

Jetzt verstand mein Freund, der Baum, was ich ihm sagen wollte. Und er strahlte wieder all seine Kraft aus. Die Kraft, die man ihm gab, um all den Vögeln, Faltern, Mäusen, Kätzchen, Ameisen und auch den kleinen Menschen Heimat zu sein. Er spendete den Duft seines Laubes, richtete seine Krone stolz zum Himmel und war nur das, was er sein sollte, er, der Baum.

So bekam ich also einen neuen Freund. Den Freund, der jetzt ewig ist.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten