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Und die Liebe ist mein Atem - März 30, 2024

Und die Liebe ist mein Atem 04

Und ich traf auf eine Gruppe von Menschen. Zu meinem Erstaunen trugen sie allesamt lange, schwarze Kleider. Sie hatten dicke Schnüre um ihre Bäuche gebunden und marschierten wie in Trance im Kreis. Einst hatte man mir erzählt, dass sich die Menschen schwarz kleiden, wenn sie um einen Freund trauern. Wie sonderbar.

Bei uns zu Hause, im Meer also, feierten wir den Tod eines Mitgliedes unserer Familie als die Fortführung einer unendlichen Reise, als den Zustand des uneingeschränkten Kommens und Gehens. Ist das nicht herrlich? Und weil mich das Verhalten dieser Leute eben so erstaunte, näherte ich mich denen und sagte: “Guten Tag.” Doch niemand von diesen Menschen zeigte eine Regung. Man hatte mich wohl übersehen. Also grüßte ich noch einmal, jetzt aber etwas lauter: “Guten Tag!” Endlich wandte sich ein etwas abseits gehender Mann mir zu. Er musterte mich vom Scheitel meines blonden Schopfes bis zur zugegeben schäbigen Kleidung meiner Füße, hob die rechte Augenbraue, rollte die Augen und machte nur: “Tssha!” Dann drehte er ab und bewegte sich wieder in Richtung seiner Gruppe. Ich aber rief ihm nach: “Hallo, Du, wieso sprichst Du nicht mit mir?” Er aber antwortete für mich kaum hörbar: “Du bist nicht fromm. Du hast außerdem nicht den Ring meines Fingers geküsst. Du betest nicht wie wir und Du trägst nicht Schwarz.” Nun konnte ich meine Bestürzung nicht mehr verhalten. Ich war blass vor Schreck. Weil ich also nicht Schwarz trug, den Ring seines Fingers nicht küsste und nicht wie sie ein Holzkreuz anbetete, schloss man mich aus? Noch schlimmer: Man lehnte jede Nähe zu mir ab.

Jetzt trugen sie Statuen auf, hielten Gebilde aus glänzendem Metall hoch und knieten vor diesen nieder. Ich hatte Augen und Mund weit aufgerissen, mein Herz, das nun eben wie das eines Menschen schlug, raste vor Entsetzen. Und so rief ich: “Hey, Ihr alle, die Ihr Dinge anbetet, so hört mir doch zu! Seht Ihr nicht, was man Euch gab, um Zeugnis abzulegen?” Und plötzlich kam eine Amsel. Sie setzte sich auf meine rechte Schulter und erzählte mir eine Geschichte. Als sie ihre Erzählung beendet hatte, war mir klar, dass diese Menschen kein Auge für die Freiheit haben konnten. Sie töteten und versperrten einst die Jünger des Lebens, der Natur und der Sonne. Ihnen war es Gebot, ihre Glaubensgemeinschaft auf der blutigen Erde ihrer Missetaten zu begründen. Sie zogen sich Kutten über, schmückten sich mit Kreuzen und priesen sich heilig.

So lernte ich also die kennen, die dem Nächsten das Leben nehmen, um Glauben zu erhalten.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten