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Essays - März 2, 2024

Tot ist, wer in Vergessenheit gerät.

Als mein Vater Horst im Jahre 1989 zu Tode kam, trat ich mehrfach an Ortsbekannte, Kriminalisten, Presseleute und seine trinkfesten Vertrauten heran. Meine Fragen betrafen stets die möglichen Umstände seines Sterbens, besonders jedoch die seinerseits verbalisierten Empfindungen die Scheidung von seiner Frau und die völlige Untersagung des Umgangs mit seinen Kindern betreffend.

Nach akribischer Analyse, versuchsweiser Empathie und nunmehr gut drei Jahrzehnten des Denkens, Empfindens und partiell Verstehens zielen meine Fragen besonders auf den tagelangen Verbleib des verunglückten Körpers meines geliebten Vaters im Gewässer vor seiner Holzhütte ab.

Die Sichtung der mir zur Verfügung gestellten Detailaufnahmen zur Bergung der bereits aufgeschwemmten Physis unter Anwendung von Feuerhaken und Rechen, die kriminalmedizinische Festmachung des Fehlens von Wasser in der Lunge jenes vermeintlich Verunfallten sowie die Vielzahl an Tagen (vermutlich 3 – 7) seines Fehlens in/aus seinem Kreis lässt mich final an der legalen Festlegung der Todesursache zweifeln.

Lassen Sie uns, lieber Leser, erneut gemeinsam denken. Nach kriminologischer Rekonstruktion der letzten Minuten seiner vitalen Existenz stand mein Vater wohl am absoluten Ufer eines seiner Fischteiche. Gefüllt war dieser Teich angeblich mit etwa 5 Grad kühlem Schmelzwasser aus dem Zufluss des nahen Mühlenbaches. Just in jener Phase des Innehaltens verlor – so die Annahme – mein Vater sein Feuerzeug, versuchte jenes bei Dunkelheit und nassem Ufer wieder zu finden, glitt stehend über das nasse Randgras in das am Zufluss etwa 60 Zentimeter seichte Wasser und erlitt durch den Erhalt kalter Füße sowie Beine einen Herzstillstand. Daran glaube ich nicht.

Wir wollen uns demnach bitte in die Aggregation der legendär Lebenden verfügen und daran erinnern, wie wir allesamt auf Schreckmomente zutiefst menschlich reagieren: Primär holen wir ob der temporären Fassungslosigkeit tief Luft, reißen diese geradezu in die Lunge, entlassen jene jedoch partiell, sobald die relative Ruhe wieder erlangt ist. Übertragen wir nun unser imaginäres Überraschungsszenario auf die letzten Minuten im Leben meines Vaters, so hätte er sich trotz jahrzehntelanger Abhärtung ob beruflicher Umstände (Streckengeher bei der staatlichen Eisenbahn) und Kenntnis der Kühle von Schmelzwasser dermaßen erschrocken, dass er aus eben jenem Schrecken einen Herzstillstand erlitten und den schier unausweichlichen Tod finden musste. All dies zweifle ich hiermit an.

Wenn wir uns, lieber Mitmensch, nun vorstellen, dass mein Vater bereits vor dem Eingleiten in das Wasser leblos war, reicht selbst die massive Abkühlung seines Körpers durch das umgebende Schmelzwasser nicht aus, jenen Unterdruck in der Lunge zu erzeugen, welcher das Ansaugen von Wasser durch Mund und Nase nötig macht. Auf diese Weise würde auch erklärt sein, weshalb sich in der Lunge des Gefundenen kein Teichwasser befand.

Die Zahllosen Verwünschungen aus dem Kreise von Blutsverwandten und in Minderzahl bekannter Intimfeinde lassen mich annehmen, dass mein Vater zu Tode gebracht wurde. Demnach werde ich meine rudimentäre intellektuelle Potenz nutzen, um eine legale Nachrecherche herbei zu führen. Denn: Lieber wäre es mir gewesen, er hätte mich überlebt.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten