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Health - History - Religion - Februar 7, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 10

Die Erkenntnis, welche ich aus diesem Ereignis erlangt hatte, erzählte mir von der wirkungsvollen Qualität der Erinnerung: Da ich Vater den Jungen gab, welcher zu sein man ihm nie gestattet hatte, fand ich auf diese Weise den einzigen Zugang zur völlig zerrütteten Seele jenes Individuums. Es war mir nun absolut und klar, dass man nicht erst werden muss, um zu sein. Gewaschen und gekleidet zum Schlaf übergab ich mich gebettet meinem Herrn, sagte lächelnd Dank und schloss die Augen. Gleich träumte ich vom Fliegen und just breitete ich die Arme aus, um diese sanft, doch kraftvoll auf und ab zu bewegen. Dann lief ich an und hob zögerlich vom gebeugten Gras ab, welches unter der Last des Morgentaus zu knechten schien. Selbst die im Traum gefühlte Kühle des Niederschlags war mir gut. Nach der Banalität des Wachzustands ringend öffnete ich meine Augen und freute mich, fliegend die Freiheit des Willens erlangt zu haben. Gegen 04.00 Uhr morgens stand ich auf, kleidete mich dürftig in kurze Hosen und T-Shirt, verließ nackten Fußes das Haus, kletterte in gewohnter Manier über den Zaun des Gartengrundstücks und schritt über das nasse Gras, welches wie in meinem Traum zuvor unter der Last des Morgentaus zu knechten schien. Sichtbar hinterließ ich Spuren in der Regelmäßigkeit des Tröpchenmusters und genoss es, dampfend und unter freiem Himmel in den nächsten Holunder Busch zu wässern. Ich war frei geworden. Nach Stunden des Verweilens und Sinnens trieb mich der Eindruck von absoluter Stille in den Straßen durch das Dorf. Die sommerliche Hitze und das Kreischen der Schwalben und Mauersegler gab mir ein sonderbares Gefühl von willkommener Stagnation. Als wäre nichts Böses zu erwarten, sah ich den durch die Morgenthermik aufgewirbelten Staub den Straßenrand entlang ziehen. Stampfend kam aus der Ferne des Voralpenlandes ein Nostalgie Zug in den Bahnhof. Binnen Minuten hatten sich Menschen bunten Alters versammelt, um die Einfahrt der großen und mächtigen Dampflok zu erleben. Das Staunen über diesen schwarzen Stahlriesen wich der wiederkehrenden Ruhe des Dorfsommers. Welch absonderliche Gerüche, Töne und Gefühle der Wechsel von Lärm und Stille doch erwirkt. Auf einer der heißen Schienen des einzigen Bahndamms balancierend, begab ich mich nun zurück in mein geliebtes Hügelland. Die “Buhu-Leitn“, wie jene hoch gelegenen Wiesen, Weiden und Äcker im lokalen Volksmund genannt wurden, repräsentierten das für den Landjungen einzig wahre Umfeld als Grundlage seines Werdens. Duftige Wiesen, frisch geschnittenes Gras in der Vorstufe zum Heu, reichlicher und üppiger Buschwuchs, Obstbäume, Beerenholz, Bäche, Pfützen, Böschungen und Hügel. Inmitten einer steilen, von Ochsengras überwucherten Schräge lag ein Fels aus fossilem Gestein. Dieses bauchige Gebilde aus den morbiden Resten von Muscheln, Krabben und Schnecken barg jedoch ein zeitgemäßes, weil unvernichtbares Geheimnis: Just aus dem einzigen Spalt in dieser starren Struktur wuchs – in seiner Schönheit unvergesslich – der zarte, von Dornen umhüllte Stamm einer weißen Rose. Hätte ich damals Zweifel an der Güte des Herrn gehabt, so wäre ich blind für dieses wundersame Ereignis gewesen. Doch: Klar und herrlich in ihrer Güte neigte sich die weiße Rose an mein Haupt und ließ mich deren Schönheit mit allen Sinnen meines Körpers annehmen. Diese Rose, geliebte Honigmaus, ist unvergleichlich, unvergessen, unverdorben.

Gemächlich vergingen die Restwochen bis zum Schulbeginn. Der Herbst kam wieder und schier übergangslos der bekannt kalte Winter. Schnee und Kälte waren eingetroffen und mit ihnen auch meine Nähe zu Sabine. Was mich einst als unglückliche Verliebtheit beherrschte, war zur reifen Freundschaft geworden. So fuhren wir täglich mit den Fahrrädern gemeinsam zur Schule, genossen in Zweisamkeit und freudig kreischend den Unfug, welchen wir auf dem Schulweg veranstalteten, warfen uns also mitsamt unseren Fahrrädern in die tiefen Schneeverwehungen des Straßengrabens und retteten uns dann gegenseitig aus den imaginären Lawinen. Beide hatten wir nun die fünfte Klasse erreicht und ob der unwissentlich bevorstehenden Ereignisse sollten wir uns schon bald aus den Augen verlieren.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten