myfather.blog

Wenige Sekunden ...

Politics - Januar 2, 2024

Buch ‚ROTE SAU‘ – Kapitel 05

Das erste Mal war ich an jenem Tag als Gast einstiger Parlamentarier geladen und hatte bis eben noch keine finale Erkenntnis, was die Absichten des Stadtrates betraf. Unverzüglich nach dem Durchschreiten des SPÖ-Klubs wurden mir gegenüber Granden sämtlicher Regierungsparteien vorstellig und teilten mir mit, mehrfach von meinem “vorbildlichen Einsatz für brave Zuwanderer“ gehört zu haben. Schon in den Minuten des eifrigen Händeschüttelns erreichte mich das Licht jener Einsicht, ebenda und eher der Protagonist einer präventiven Gegenüberstellung mit potentiellen Gegnern sein, als ein freudig empfangener Aktivist. Binnen einer Stunde traf ich sodann mit dem früheren Bundespräsidenten Dr. Rudolf Kirchschläger, der damaligen FP-Obfrau Dr. Heide Schmidt, dem späteren Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer und einigen Funktionären aus dem geschichtlich bekannten Apparat zusammen. Mein beinahe sekündlich wachsendes Unbehagen ob der nun gewonnenen Erkenntnis, mich eindeutig in “Feindgebiet“ auf zu halten, ließ mich den Stadtrat drängen, jenes unschöne Schauspiel zu beenden. Grinsend leitete er die Verabschiedung von Seinesgleichen ein und sprach noch im Verlassen der großen Parlamentshalle die Einladung zum Abendessen aus. Ungefragt erhielt ich als Beifahrer des vom Stadtrat chauffierten PKW Auskunft, in Gesellschaft dessen Person ein ebenso durch diesen vorselektiertes Menü ein zu nehmen.

Die massiv offensive Verhaltensstruktur meines Begleiters und die meinerseits fahrlässig praktizierte Milde beunruhigten mich dermaßen, dass ich bereits nach Leeren des Vorspeisentellers oftmals auf die Uhr blickte, um endlich die späte Stunde als rechte Begründung für meine Aufbruchstimmung zu nennen. „Hier sind wir nun, mein Lieber.“, brummte der Stadtrat. „Um Dich wissen zu lassen, warum Du in so jungen Jahren die Ehre hast, Staatspolitiker aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis kennen zu lernen, sollst Du eines hören: Diese Leute sind Dir Freunde, wenn Du sie brauchst, doch unerbittliche Feinde, wenn Du Dich gegen sie stellst. Ich denke, Du bist genial genug, um meine Botschaft zu verstehen.“ Schweigend nickte ich, machte mich nun über den gebratenen Lachs auf grünem Spargel her und kratzte unbemerkt die Innenseite meines linken Daumens blutig. Vermutlich hatte ich zu keiner Zeit meiner noch recht jungen Existenz derart großen Zorn verspürt. Die Ungerechtigkeit dieser beinahe mafiosen Strukturen brachten mich an den Rand der Besinnungslosigkeit. Wütend pochte mein Herz und im Gleichlauf seines Schlages blähten sich meine Schläfen. Niemals mehr wollte ich mit diesem Scheusal zu tun haben und gewiss nicht sollte ich erneut in relative Abhängigkeit geraten, wie sich dies in den Vormonaten zu entwickeln schien.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten