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Und die Liebe ist mein Atem - März 28, 2024

Und die Liebe ist mein Atem 03

 

Und ich begegnete einem Mann. Er saß auf einem schmutzig-weißen Tuch, hielt die Beine verschränkt und wiegte seinen Oberkörper nach vor und wieder zurück. Und wieder nach vor und wieder zurück. Als ich mich ihm näherte und versuchte, sein Gesicht zu sehen, wandte er sich ab und schweifte in die Ferne. Ich ging also seinem Blick nach und versuchte abermals, seine Augen zu erfassen. Er aber wandte sich wiederum ab und begann leise zu murmeln: “Vielleicht will ich Dich nicht sehen, vielleicht kann ich Dich nicht sehen.” Und er lachte verhalten und bitter zugleich. Dann sprach er: “Vielleicht gibt es mich gar nicht, vielleicht gibt es Dich nicht!” Wieder kicherte er vor sich hin. Ich war nun schon etwas ungeduldig und versuchte Antwort auf eine von mir gestellte Frage zu bekommen. Also sagte ich: “Wie ist Dein Name?” Er aber antwortete nur: “Vielleicht heiße ich Niemand, vielleicht aber auch Julius.” Diesmal klang sein Lachen schon eher wie Keuchen. Und offenbar fiel es ihm schwer, ausreichend Kraft zum Sprechen zu finden.

Ich erlebte also einen Mann, der vor lauter Zweifel an sich und dem, was er sah, all seine Kraft und seinen Glauben verlor. Plötzlich sagte er: “Niemand war ich, niemand bin ich, keiner kennt mich, keiner … .” So unerwartet, wie er zu reden begann, so abrupt schwieg er wieder. Er tat mir nun wirklich leid. Er, der sich an dem Platz, an dem er nun saß niederließ, um sich seinen Zweifeln hinzugeben.

Ich sagte zu ihm: “Besinne Dich doch Deiner Kraft, der Schönheit, die man Dir zum Geschenk machte und steh endlich auf!” Nun schrie ich ihn schon an. Mein Gesicht war nun rot und das Blut kochte mir in den Adern. Das Leben wogte, wie das Meer im Sturm. Er aber, der Mann, den ich traf, sagte nur: “Lass gut sein, Deine Rufe werden sich im Nichts verlieren.” Es blieb mir nichts Anderes, als ihm zu sagen: “Nein, meine Rufe sind Zeichen meines Lebens. Sie verlieren sich nicht, sie gehen auf die Reise.” Und ohne einen Laut von sich zu geben, erstarrte er und zerfiel zu Staub.

So erkannte ich, dass er die Erde war, auf der kein Korn wächst.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten