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Und die Liebe ist mein Atem - März 13, 2024

Und die Liebe ist mein Atem 01

Prolog: Und eine Tages hieß man mich von zu Hause weggehen. Man sagte mir, ich solle doch die Welt erkunden, die Menschen sehen. Sie, die sie so unwissend und unbarmherzig sind. Die, die doch der Liebe kein guter Boden sind. Die, die das strahlendste Licht nicht sehen und den schönsten Gesang nicht hören. Die, die eine große Liebe nicht spüren. Blind, taub und kalt. Und doch hatte ich zu gehen.

Man gab mir Hände und Füße, die Empfindungen eines Menschen. Die Fähigkeit, Gefühle anstatt mit Wogen zu umschreiben, in komplizierte und nichtssagende Worte zu fassen. Die Augen, die kaum sehen, weil sie an Weitsicht arm sind. Ein Herz, das im Alter wenig taugt und Ohren, die nur hören, was für sie bestimmt war. So verließ ich meinen geliebten Ozean.

Und ich traf einen Menschen. Es musste wohl ein Weibchen sein. Denn man sagte mir zu Hause, dass die Menschenweibchen einen besonderen Liebreiz ausstrahlen. Dieses Mädchen – so bezeichnet man ja die menschlichen Weibchen, nicht wahr – schien wirklich etwas Besonders zu sein. Es war springlebendig. Ein süßes Geschöpf von einer Anmut und Schönheit, wie man es selten zu sehen bekommt. Sanft im Wesen und doch voller Kraft. Gütig im Blick und doch energisch. Fast wie ein Delphin. Ich bin ein Delphin. Habe ich Dir das noch nicht gesagt? Ach ja, ich heiße Manu. Manu, wie die Sonne. Manu, wie das Meer. Manu, wie die Woge. Weißt Du? Manu, wie alles, das man lieb hat. Einfach – Manu. Meine Freunde nennen mich auch Tomtom. Ich weiß selbst nicht warum. Aber sie tun es einfach. Ich würde es auch niemals verbieten. Sie sind frei. Frei in Gedanken, frei im Tun und frei im Sein. Außerdem klingt es ja ganz nett. Oder? Ach, meine Freunde. Sie sind das Einzige und gleichzeitig Liebste, was man mir je gab. Hast Du Freunde? Du, der Du mich eben reden hörst? Hast Du so ganz liebe Freunde? Warum weinst Du? Komm, sei nicht traurig. Vielleicht kann ich Dein Freund werden. Hm? Meine erste Geschichte ist nämlich eine frohe und ganz besonders glückliche Geschichte. Ich erzähle Dir also von Tati.

Tati lernte ich kennen, als ich wieder einmal so sehr Heimweh hatte. Tati – übrigens auch ein Menschenweibchen – hatte ein sehr kindliches Wesen. Ich liebe kindliche Wesen. Tati war also ein kindlicher Geist in der Hülle einer werdenden und reifenden Frau. Wir sprachen über alles. Über das Wesen der Bäume, die Liebe der Blumen, die Seele eines Wales, die Schwierigkeit des menschlichen Paarlebens und über den Schmerz des Verlierens.

Weißt Du, sie glaubte nämlich, dass wenn man einen Menschen liebt und dieser Mensch aus Liebe zu einem anderen Menschen fortgeht, man hätte diesen, seinen geliebten Menschen, verloren. Und sie weinte ach so bittere Tränen über all ihre scheinbar verlorenen Geliebten. Sie weinte so sehr, dass sie sich schließlich in Verbitterung und Trauer verlor. Als ich sie nun so kläglich vorfand, weinte ich mit ihr. Nicht, weil ich auch traurig war, sondern weil ich mit ihr teilte. Ich teilte mein unendliches Glück mit ihrer so kindlichen und fast hilflosen Wehmut. Ich weinte mit ihr, weil ich dann fähig war, mit den tränengenässten Augen eines tief trauernden Menschen zu sehen. Ich weinte mit ihr, weil meine Tränen zu meiner Freiheit und zu meinem Glück gehören. Ich weinte mit ihr, weil mir danach war. Und es berührte mich, dass ihre Wehmut, die nun Teil ihres Lebens schien, weil diese Wehmut sie nicht sehen ließ. Und doch gab es etwas, was sie am Leben erhielt: Es war die Hoffnung. Es war der Glaube. Es war die Liebe.

Und so sagte ich zu ihr: “Tati, glaubst Du nicht auch, dass es nun endlich an der Zeit wäre, dankbar zu sein? Dankbar für all die großen Geschenke des Lebens? Dankbar dafür, dass Du die Muße und das Talent hast, das bisher Erlebte zu bewältigen?” Und sie weinte weiter und sagte: “Aber ich bin doch dankbar. Ich bin es doch. Sieh, wenn Du mir ein Stück Brot gibst, dann bin ich Dir dafür dankbar. Nicht wahr? Ich liebe Dich dafür, dass Du so bist, wie Du bist. So gütig, mit mir zu teilen. Aber es macht mich eben unendlich traurig, wenn ich einen Menschen verliere, wenn er sozusagen für mich stirbt.” Da fiel mir plötzlich wieder ein, was ich bereits im Wasser, in meinem geliebten Meer gelernt hatte. Es war damals, als man mir sagte, dass ich Mensch werden müsste, um die Menschheit zu verstehen. Dass man nur dann so fühlen kann, wie jemand fühlt, wenn man fühlt, was jemand fühlt. Ich hoffe, Du verstehst mich, wenn ich Dir diese Geschichte erzähle. Ich sagte also zu ihr: “Tati, weißt Du, wenn jemand zu gehen hat, weil es ihm seine Freiheit so befiehlt, dann ist es doch so, dass dieser geliebte Mensch, auch wenn er stirbt, wirklich weiterlebt. Vielleicht hat Dein Geliebter nur hier – nämlich sichtbar – für Dich gelebt. Und vielleicht hat dieser Jemand nie in Deiner Phantasie existiert. Jetzt aber, wo Du glaubst, dass man Dir so das Liebste überhaupt nimmt, beginnt dieser Mensch erst in Deiner Phantasie zu leben. Und: Die Phantasie ist ewig. Also wird Deine Liebe für ihn immer bestehen. Komm, weine nicht mehr aus Trauer, weine über das Glück der Einsicht. Vergieße Deine Tränen für das ewige Leben. Jetzt ist er immer für Dich da.”

Und wirklich, sie hörte auf traurig zu sein und lachte sogar wieder. Sie sagte: “Wie blind war ich doch! Ich konnte nicht sehen, weil mir die Augen des Kopfes den Dienst versagten. Ich konnte nicht hören, weil mir die Ohren des Hauptes ihre Tüchtigkeit absprachen. Jetzt aber bin ich dankbar. Dankbar für die Gabe des Sehens, Hörens und Fühlens – mit dem Geist. Hurra, ich lebe! Ich lebe! Und ich werde ewig leben. Aus mir und mit mir, mit der Liebe. Ich lebe!

So lernte ich Tati kennen. Ein Kind, das fähig war, unendlich zu leben.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten