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Schweinedoping - März 4, 2024

Buch ‘SCHWEINEDOPING’ – Kapitel 05

Titel des Kapitels: „Nietzsche: Exhumiert und vor Gericht?“ So verkehren wir nun den Lauf des Schicksals: Friedrich Nitzsche, 1844 im preußisch-sächsischen Röcken geboren, stirbt am 25. August 1900 nicht im Zustand geistiger Umnachtung, sondern fragt sich – physisch tot, doch geistig hell: „Is de duitse hymne toch een rotlied?“ Nun: Was Nietzsche einst – wohl schon um 1881 – von sich gab, klang dann doch so: „Deutschland über alles“, ein törichter Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem – niemals. „Aber mit allem soll es sein, unser Land.“ – sagen die Deutschen.

Ostersonntag 2001: Linda de Mol, Moderatorin unzähliger über deutsche Gigantensender ausgestrahlter Abend-Shows, begeht den aus deutscher Sicht volksverletzenden Fehler eines „antideutschen“ Trostspruches für ihren an bemitleidenswerter Fettleibigkeit reichen Quiz Kandidaten. Auf dem Fragenweg zum Vollgewinn von zehn Millionen Holland-Gulden heißt das Schlussrätsel: „Wer komponierte die deutsche Nationalhymne?“ Nun entscheidet sich Arno Maar fälschlicher Weise für den Komponisten Brahms. Tatsache aber, dass Josef Haydn schon vor 1800 die Original-Melodie dazu geschrieben hatte. Linda de Mol – mit dem wohlgenährten, doch schlecht informierten Kandidaten fühlend: „Ach, het is toch een rotlied!“ (Übersetzung einer Beamtin des niederländischen Generalkonsulates in Hamburg: „Ach, es ist eh nur ein Scheißlied!“). Der Eklat ist perfekt.

Eine große deutsche Tageszeitung – bekannt für die Bereitung „weicher Medienkost für intellektuell zahnlose Leser“ – schreibt gar von der „Verletzung des deutschen Publikums“. Der Gipfel dieser publizistischen Armseligkeit ist jedoch der Hinweis auf die Möglichkeit einer staatsanwaltschaftlichen Ermittlung gegen Linda de Mol gemäß § 90a StGB. Inhalt dieses sonderbaren Paragraphen: „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“.

Sollte sich also tatsächlich eine witzarme Kreatur finden, die die im Rahmen journalistischer Tätigkeiten agierende Linda de Mol klagt, dann müsste dieselbe Star-Moderatorin mit einer bis zu dreijährigen Gefängnisstrafe oder einer bösen Geldbuße rechnen. Die Frage nun: Werden künftig sämtliche 15.000 Fans einer nicht deutschen Kampfmannschaft verhaftet, weil diese beim Abspielen der deutschen Hymne ein noch lautstärkeres Pfeif- und Brüll-Konzert starten? Oder: Wird der Beiwohner einer zweifelsohne stattfindenden Angelobung des Schröder-Nachfolgers als Kanzler dann inhaftiert, wenn ihm während des Hymnen-Spiels ein lauter Mastdarm-Wind entflieht?

All dies Treiben um das ohnehin schon leidig-wüste Deutschtum erinnert etwas an Missgeschicke wie jenes, wo man sich – unwissend der Gepflogenheiten in Auktionshäusern – am Kopfe kratzt und so tragischer Weise ein mittelalterliches Ziegendarm-Kondom im Werte von DM 26.800,- ersteht. Nun schreibt das zuvor gemeinte deutsche Morgenblatt noch vom offenbaren Skandal, dass Linda de Mol den bösen Sager „… in ihrer Muttersprache …“ von sich gegeben hätte. Eine Schande, ja ein Trotz. Die Niederländerin spricht – am holländischen Sender Ned 2 und vor 2 Millionen Niederländer – nicht Deutsch! Das ist das Ende! Wie wahr.

Doch – speziell für die historisch mindergebildeten Reinblüter – zur Geschichte des „Liedes der Deutschen“: Komponiert wurde dieses vermeintliche Prachtstück nationaler Badewannen-Sänger 1797 von Josef Haydn. Den heute bekannten Text dazu verfasste Heinrich Hoffmann von Fallersleben erst 1841. Zwischenzeitlich wurden allerhand fragwürdige Wortversionen (1816 von den Göttinger Burschenschaften und 1819 von der alten Bonner Burschenschaft) verbreitet. Vermutlich unglaublich für die Nationalisten unter den Muster-Germanen: Die heute unter schwarz-rot-gelber (-„goldener“) Flagge gespielte Hymne war bis kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges (1818/1819) Reichshymne der österreichisch-habsburgischen Donaumonarchie. Nach Gründung des Wilhelminischen Kaiserreiches unter der Führung von Fürst Otto von Bismarck und dem Sieg des „Deutschen Bundes“ über Frankreich, wurde aus „gewählten Teilen“ der ursprünglichen Version die neue Nationalhymne „Heil Dir im Siegerkranz“ gestaltet. Die heutige Ausgabe des „stolzen deutschen Liedes“ wird zu öffentlichen Anlässen jedoch meist in der „Light Version“ gesungen. Dies deshalb, weil besonders die erste Strophe („Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, …) von den Despoten des „Dritten Reiches“ zur Förderung fremdenfeindlicher Ansinnen eingesetzt wurde.

Erst 1991, knapp ein Jahr nach der „Wiedervereinigung“ der beiden deutschen Staaten, wurde im Verlauf eines Briefwechsels zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker die Hymne für das nun wiedererstarkte Deutschland vereinbart.

So – zweifelsohne – schmerzlich und phasenweise unerträglich die Kämpfe um „Freiheit, Frieden und Brüderlichkeit“ der deutschen Volksgruppe auch gewesen sein mögen, so dümmlich erscheint nun die übermäßige Beachtung eines sicherlich belanglos gesprochenen Humors einer keineswegs politischen Moderatorin. Fände die „deutsche Tagespolitik“ im ebenso deutschen Pressewesen keine wirkliche Wesentlichkeit in der Kritik an der Auslegung der Strophe „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, …“, dann müsste man mit rechtmäßiger Sicherheit auch den irr verstorbenen „großen Denker“ und Philologen Friedrich Nietzsche exhumieren, publizieren und vor die Gerichte karren. Denn was einem Genius aus Sachsen nicht verboten war, muss auch einer exzellenten Moderatorin deutscher Büchsenkost-Shows gestattet sein.

Ich meine jedoch: Jedem Volke muss es möglich sein, sein eigen Hohelied zu feiern. Kein Individuum – speziell ein fremdnationales – hat je das Recht, die Brauchtümer einer Nation öffentlich in Frage zu stellen. Auch dann nicht, wenn eine 80-Millionen-Population immer noch die erste (einst Nazi-liebe, der deutschen Sprache fremde) Strophe so singt, wie dies die kriegerischen Vorfahren taten („Deutschland über alles“/“Döner mit alles“).

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten