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Corruption - Criminal Law - History - Politics - Religion - Januar 1, 2024

Buch ‚ROTE SAU‘ – Kapitel 01

Im Jahre 1992 hatte ich den Entschluss gefasst, meinen Wohnsitz in das niederösterreichische St. Pölten zu verlegen. Zu diesem Zwecke konnte ich per Finanzierung durch eine lokale Genossenschaftsbank eine Eigentumswohnung im Bezirk Unterwagram erhalten. Nach erfolgtem Einzug in das Appartement und erledigter Generalreinigung mochte ich mich auf den Weg zur Erkundung des neuen Wohnumfelds machen. Bereits Tage nach dem Umzug kontaktierte ich den dortigen Bürgermeister Willi Gruber († 07.09.2012) und dessen untergebenen Kulturstadtrat, welcher mir in persönlicher Struktur und politischem Einfluss bis dato gänzlich unbekannt erschien. Zweck des Besuchs waren Erlangung von Publizität und gemeinschaftliche Förderung meiner künstlerischen Tätigkeit.

Bereits Minuten nach dem Eintreffen im Vorzimmer des Kulturstadtrats drangen die von wüsten Beschimpfungen begleiteten Ergüsse dessen an mein Ohr, sodass ich mir nicht sicher war, ob ich in jenen Räumlichkeiten tatsächlich einen Kulturschaffenden antreffen würde. In den brutal verbalisierten Ansätzen einer bloßen Befehligung der vollständig eingeschüchterten Mitarbeiter des Kulturstadtrats fanden sich Erniedrigungen und befremdliche Botschaften, wie „… Du bist ein Arsch mit Ohren!“ (den Grafiker meinend), „… noch nie habe ich einen so dummen Menschen getroffen, wie Sie!“ (die Sekretärin betreffend) und „… bestellen Sie ihm meine Grüße: Er ist eine Drecksau!“ (an den zuständigen Stadtrat der Volkspartei gerichtet). Als ich nach etwa 90-minütiger Wartezeit zum beschriebenen Kulturstadtrat vor gebeten wurde, erreichte ich den Habitus einer dicklichen Person mit grauem Rauschebart und von geringem Wuchs. Im Krampf dargestellter Freundlichkeit erhielt ich ein breites Lächeln und den erstmals abscheulichen Händedruck einer männlichen Kreatur, welche den Spalt meiner Hand zwischen Daumen und Zeigefinger mit dem eigenen Daumen massierte. Die erste Irritation einer fortan über Jahre wachsenden, bis an die Grenze zur widersinnigen Freundschaft reichenden Antipathie war geschaffen. Über knapp 10 Minuten durfte ich nun mein künstlerisches Vorhaben dokumentieren, einen Lyrikband zur Ansicht zurück lassen und wurde unter witzig anmutenden Verbeugungen und der Zusicherung breiter Unterstützung verabschiedet. Beim Verlassen des baulich knapp angelegten Gewölbes kamen mir drei weitere, von deren Angst vor der bevor stehenden Begegnung mit dem Kulturstadtrat bleich gezeichnete Personen entgegen, welche sich auf den letzten Metern vor der sicheren Vernichtung durch den Besuchten offenbar und präventiv einer Autosuggestion unterzogen, indem sie leise vor sich hin murmelnd Erklärungen und Entschuldigungen für gewiss attestiertes Versagen hören ließen.

Da zu jener Zeit die keineswegs fremdenfreundliche Bundesregierung um Kanzler Franz Vranizky, bestehend (nebst anderen) aus den SPÖ-Ministern Josef Hesoun (Arbeit und Soziales), Ferdinand Lacina (Finanzen), Johanna Dohnal (Frauenangelegenheiten), Harald Ettl (Gesundheit, Sport, Konsumentenschutz), Rudolf Streicher (öffentliche Wirtschaft und Verkehr) sowie Franz Löschnak (Inneres) ihr Unwesen trieb, begab ich mich gesellschaftlich vermehrt in die Nähe von Zuwanderern und politischen Flüchtlingen aus dem Kosovo.

Da der damalige SPÖ-Innenminister Franz Löschnak bereits im Jahre 1990 durch eine Brandrede am Wiener Praterstern zulasten polnischer Zuwanderer („Diese Leute verunreinigen den zweiten Bezirk!“) auffällig geworden war, komplettierte dieser die internationale Schädigung des Ansehens österreichischer Staatspolitik im Frühjahr 1992 um den NAZI-Ausruf „Das Boot ist voll!“. Tage später war die Exekutive dazu angehalten, die von Löschnak eigenmächtig durch getretenen Verordnungen auszuführen und praktizierte dies durch ungerechtfertigte, wie tägliche Abschiebungen und unter Anwendung des bitteren Slogans: „In die Busse, hin zum Südbahnhof und ab in die Heimat!“

Am 20. April 1992 wurde ich vom kosovarischen Mitarbeiter eines langjährigen Freundes angesprochen, welcher trotz des bereits über zweieinhalb Jahre bestehenden Dienstverhältnisses jenen Schrieb des österreichischen Innenministeriums erhalten hatte, der ihm die unabwendbare Abschiebung in das zweifelsfrei todbringende Ursprungsgebiet ankündigte. Vor Bestürzung und Angst um dessen Frau und das gemeinsame Neugeborene sowie den zweijährigen Sohn weinend, bat mich der zu dieser Zeit 28- Jährige flehentlich um Hilfe. Wohl auch deshalb, da ich in diesen Tagen bereits über (wenn auch instabile) Kontakte zu den Vertretern der regierenden Parteien verfügte. Am Abend des gleichen Tages wurde ich auf Wunsch des von der Deportation bedrohten Familienvaters dessen Ehefrau vorgestellt, welche mir zur Begrüßung an der Wohnungstür traditioneller Weise, da nach muslimischem Brauch, nicht die Hand reichte, jedoch das kürzlich geborene Baby in den Arm legte.

Da die liebevolle Verbundenheit dieser Minuten mein Herz zutiefst rührte, beschloss ich noch am Türschlag die sofortige Involvierung aller demokratisch wählbaren Parteien meiner österreichischen Heimat. Am 21. April 1992 mochte mein Arbeitstag bereits um 07.30 Uhr beginnen, da der knapp 100-fache Versand einer Pressemeldung an sämtliche politischen Kräfte des Landes, die Vertreter der lokalen Bürgerämter und das Innen-/Sozial-/Frauenministerium noch vor Verstreichen der Kernarbeitszeit realisiert sein sollte. Ehe die Faxe 60 bis 75 vom kürzlich erworbenen Gerät abgegangen waren, erhielt ich die ersten Anrufe von Parlamentariern, Pressesprechern, Journalisten und Menschenrechtlern, welche mich vor dem unberechenbaren Zorn des Innenministers warnten. Gleichzeitig stellte man mir nicht näher definierte Hilfe für den Fall der behördlichen Verfolgung in Aussicht, obgleich ich mich keiner strafrechtlich relevanten Tat schuldig gemacht hatte. Es schien mir, als würde ich ob anzunehmender Aussichtslosigkeit eine Art Mitleidsprävention erhalten. Etwa eine Stunde nach Start meiner überfallartigen und nicht unkritischen Petitionskanonade erhielt ich den längst fälligen Anruf des Stadtrates: „Mut hast Du. Meine Hochachtung. Doch lass Dir gesagt sein, dass man es in unseren Kreisen nicht so gerne sieht, wenn sich jemand für Ausländer stark macht.“ Als hätte er Angst vor der Abhörung des aktuellen Telefonats, legte der Stadtrat nach Abgabe seiner minderwertigen Botschaft auf.

Bereits am nächsten Tag traf eine Hochzahl an Briefen und Faxen ein, mit welchen deren Absender einerseits den Respekt und das Erstaunen über den Mut zur Selbstlosigkeit, andererseits den Entzug sämtlicher Unterstützungen, offizieller Förderungen, des öffentlichen Interesses und der gesellschaftlichen Protektion aussprachen. Für einige Minuten hielt ich inne und zog meine Blicke ohne konkretes Ziel über den losen Stapel an Korrespondenzen auf meinem Schoß. Erstmals in meinem Leben, so schien es, hatte ich mich vollends eingebracht und spontan alles verloren. Nun erinnerte ich mich an eine horrible Aussage des Stadtrates, als er sich im Verlauf einer meiner raren Anwesenheiten in dessen Büro erzürnt an den Überbringer einer unerfreulichen Nachricht wandte: „Sofort an die Wand stellen und erschießen!“ Offenbar hatte ich einen Umschlag offiziellen Charakters noch nicht geöffnet und machte mich gefasst daran, den Brief aus diesem zu ziehen, als ich der Signatur der Staatspolizei (“STAPO“) ansichtig wurde. Es handelte sich hierbei um eine “Einladung zum zwanglosen Gespräch“, welches ich ob der Eindeutigkeit seiner Ankündigung nicht ausschlagen konnte.

Als ich nun Tage später die Tiraden an Drohungen und Drangsalierungen über die Dauer von knapp einer Stunde ertragen hatte, sprach mich der Beamte der Salzburger Staatspolizei auf eine von mir angeblich geplante Despotie an. Da ich mich in Bezug auf die “Notwendigkeit einer friedlichen Revolution durch Opposition“ ausnahmslos und im Vier-Augen-Gespräch mit dem Kulturstadtrat geäußert hatte, bemerkte ich in den Sekunden der Wahrnehmung des Wortes “Revolution“ das Ausmaß des Verrats. Zumal der selbstherrliche Geheimpolizist sich zum Zwecke der Papierbeschaffung ohne seine Akte vom Tisch machte, erhielt ich über etwa eine halbe Minute Gelegenheit, das oberste Blatt seiner Sammlung zu analysieren. So sah ich also eine Art “vernichtende Zurückweisung“, welche mit dem Satz „Zeugenaussage: Stadtrat Prof. Dr. Helmfried Natter*.“ (Name geändert) endete. Um – wenn auch geringfügig – Verständnis für diese Form der Auslieferung zu erhalten, machte ich mich kurzfristig an das freiwillige Studium der sozialdemokratischen Gesinnung meiner Heimat. „Immer schon war ich ein glühender Anhänger revolutionärer Sozialisten der österreichischen Nation!“, proklamierte der Stadtrat stets. Wer diese “Helden“ des Verräters eines “Ausländerfreundes“ waren, liest sich historisch aufbereitet ähnlich einer geschönten Ausgabe des “Simplicissimus“ (satirische Wochenzeitschrift, die vom 4. April 1896 bis 13. September 1944 in München herausgegeben wurde) anno 1896.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten