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Corruption - Criminal Law - Finance - Health - History - Politics - Februar 24, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 26

Meinem Naturell entsprechend, nahm ich im Juli 2009 die Position des Hauptvertreters in Einarbeitung bei einer großen deutschen Versicherungsgesellschaft ein, um die mir überantworteten wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu erfüllen. Aufgrund der offenbaren Notwendigkeit weiterer personeller Aufstockungen dauerte das zuvor eilig arrangierte Erstgespräch in einem Zehlendorfer Restaurant lediglich 40 Minuten. Da auch meine Bewerbungsunterlagen an Vollständigkeit zu bieten hatten, unterzeichnete ich bereits Tage später den verfänglich angelegten Partnervertrag in der Potsdamer Gebietsdirektion des betreffenden Unternehmens. Die zur Begrüßung zahlreich angetretenen Innendienstmitarbeiter wiesen allesamt eine für STASI-nahen (“STASI“ = “Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik“) Wuchs typische Dialektik auf, weshalb die grundlegende Kommunikation mit dem nunmehrigen Kollegium nicht unkompliziert geschehen sollte. Schon im Verlauf der ersten Stunden meiner Mitwirkung ließ man mich verbindlich wissen, dass kein Kundenanliegen höhere Dringlichkeit aufzuweisen hätte, als es die zwingende Verfügungsbereitschaft im Interesse des aktuellen Geschäftsstellenleiters tat. So musste ich zur Enttäuschung des mir zugewiesenen Kundenkreises schon die erste Staffel an Begrüßungsterminen verschieben, zumal der selbstherrliche Gebietsleiter nicht willens war, seinen Berlin-Aufenthalt im Sinne meiner Terminierung um eine halbe Stunde zu verlängern. Kurz: Ich war genötigt, die zweistündige Hin- und Rückfahrt zwischen Berlin und Potsdam zum Schaden meiner Einstiegsreputation zu akzeptieren. Da ich den Status des “Hauptvertreters in Einarbeitung“ inne hatte, wurde ich ungefragt einer nächst meinem Wohnort gelegenen Generalvertretung zugeordnet und tat im Auftrag jener meinen Dienst. Eifrig besuchte ich sodann wütende Geschädigte, vorsätzlich Betrogene und die Minorität der Langzeitkunden aus dem Bestand des ausbildungsbefugten Agenturisten. Da besonders die orientalischen Potentaten im Focus des Generalvertreters standen, suchte ich wiederkehrend deren Geschäfte, Appartements und Arbeitsplätze auf. Ausnahmslos wurden mir gleichlautende Beschwerden genannt, sodass ich täglich darum bemüht war, das Ausmaß des durch die Unzuverlässigkeit des Generalvertreters wachsenden Schadens im Sinne des Konzerns zu beheben.

Trotz aller Intensität meines Schaffens erhielt ich niemals den Respekt des loyalen Zubringers von Neukunden und Anlegern. Unregelmäßigkeiten bei der Provisionsberechnung, Beschiss bei der Auszahlung von Bonifikationen und die Unterschlagung ganzer Vertragswerke gehörten zum Umgang zwischen Geschäftsstellenleitung und Vertretern. Firmenfeiern, gestiftete Unterhaltungsprogramme und generalstabsmäßig geplante Besäufnisse wurden kostspielig organisiert und beinahe im Stile einer Sektenstruktur praktiziert. Selbst der folgenschwere Brand eines Wohnhauses in Berlin-Charlottenburg ließ die Granden jener Versicherungsgesellschaft nicht zögern, den Vielfraß (also die Völlerei im Zuge der Firmenfeierlichkeit) der Schadensabwicklung vorzuziehen. So kontaktierte ich eigenmächtig den für das betreffende Verkaufsgebiet verpflichteten Sachverständigen und forderte ihn auf, sich sofort nach Bekanntwerden des noch wütenden Brandes zu den 14 betroffenen Familien auf zu machen. Nachdem er mir schreiend mitgeteilt hatte, bereits auf dem Weg zur Firmenfeier zu sein, wandte ich mich erbost an den Konzernvorstand in München. Ungern kommunizierte der Vorstandsvorsitzende Hilfsbereitschaft, wies seinen Stab an Bediensteten jedoch an, sich um die Linderung des Leides der Brandopfer zu bemühen. Dass mein Vorstoß im Interesse zahlreicher Versicherungsnehmer dem Konzernherrn zweifelhaften Charakters nicht gefiel, ließ er mich schon Tage nach der Tilgung der Schadensumme wissen, indem er mich unter Nutzung seines Potsdamer Geschäftsstellenleiters zur Unterzeichnung einer Vertragsauflösung nötigen wollte. Als man mich anwies, trotz massiv fallender Kurse, dramatisch wachsender Verlustrisiken und unüberschaubarer Kapitalausfälle just Wertpapier-gebundene Sparformen zu verkaufen, manifestierte sich meine Überzeugung, Teil eines deutsch-nationalen Betrüger-Komplotts geworden zu sein. Selbst die Zeichnung von Versicherungsverträgen mit Huren (als “Studentinnen zu benennen“) und deren Zuhältern (als “Hausmänner zu deklarieren“), deutschlandweit bekannten Schläger- und Killerbanden (mit der Begrifflichkeit “Motorrad-Clubs“ zu übersetzen) sowie der deutschen Sprache nicht mächtigen Zuwanderern (als “Gäste deutscher Familien“ bezeichnet) sollte in jedem Fall stattfinden.

Zum 31. Januar 2011 lief – ob meiner Gehorsamsverweigerung – in beiderseitigem Einvernehmen besagter Vertretervertrag aus, wodurch sich der Rückgewinn meiner unternehmerischen Freiheit ergab. Verständlicher Weise zeigte mein Körper nach zweijährigem Einsatz in regelmäßiger Bewältigung von 130-Stunden-Wochen jene Schwächen, welche mich über die Dauer von 21 Tagen nieder warfen. Der Verlust von 11 Kilogramm Körpergewicht und der bittere Gewinn organisch-pathologischer Auswüchse waren bezeichnend für die kategorisch unrichtige Tätigkeit im Sinne bloßer Profit Maximierung. Sofort trennte ich mich von der angestrebten Zielsetzung einer frühzeitigen Altersruhe und verfügte mich zurück in die Stellung des zweifelsfrei geringsten Dieners unseres Herrn.

Am 26. August 2011 eilte ich nach Realisierung einer Auftragsarbeit in den Schacht der U-Bahn Linie 6 zu Berlin-Tempelhof, um noch vor Einbruch der Dunkelheit einer entlegen anberaumten Geburtstagsfeier beizuwohnen. Nach kurzer Fahrt und dem Verlassen des Zuges wechselte ich die Bahnsteigseite, da mir die heißen Winde aus den Fahrgastabteilen zuwider waren. Lächelnd gab ich mich einem Tagtraum hin und flanierte sündig (weil unachtsam) an den Ort des nun kommenden Geschehens: Mächtig traf mich ein vernichtender Schlag am Hinterkopf, welcher von der Tiefe eines Messerstreichs begleitet war. Für die Dauer einiger Sekunden verlor ich stehend die Besinnung und vollständig das Gehör am linken Ohr. Warm trat das Blut aus meinem Schädel und ergoss sich zum Schrecken der Passanten über Hals und Schultern. Kreischend liefen einige Frauen fort und schweigend traten wenige Männer auf mich zu. Auf die Bitte, Notarzt und Polizei zu verständigen, teilte man mir geschlossen mit, keinesfalls in Strafrechtsfälle involviert werden zu wollen. Also fasste ich mit blutiger Hand in meine Seite und rief per Telefon die Helfer selbst herbei.

Die Fahrt in die nächste Klinik erschien spektakulär bis peinlich, da ich trotz erhaltener Verletzungen mitnichten Umstände bereiten wollte. Der mich versorgende Notarzt trug mit seiner Argumentation dennoch zu meiner Ernüchterung bei. Dies, da er mich als drittes Opfer binnen dreier Tage zählte und zur Klärung der persönlichen Struktur des Täters verhalf. So würde es sich um den Auswuchs einer Mutprobe handeln. Hinter den Pfeilern des U-Bahnhofes stünden stets Konspiranten des jeweiligen Täters, welche die Tat selbst mit Kameras aufzeichnen würden. Erst nach gemeinschaftlicher Sichtung jener Aufnahmen würde die Integration in die gewaltbereite Gruppe erfolgen.

Das Resultat dieser gewaltvollen Erfahrung waren der etwa 60-prozentige und dauerhafte Verlust des Gehörs am linken Ohr, die OP-weise Entfernung zweier Backenzähne sowie von fünf Knochensegmenten am linken Unter- und Oberkiefer, eine temporäre, rund 40-prozentige Sehschwäche am linken Auge und die Schließung eines massiven Risses im Unterbauch vom rechten Schritt bis zum Nabel. Der für die Behandlung angeordnete stationäre Aufenthalt in einer Berliner Klinik war obligatorisch.

Dass jenes Berlin des Jahres 2011 mit seinen beinahe 1.000 Gewaltverbrechen täglich zu den angeblich schönsten Metropolen Europas zählen soll, erscheint mir gänzlich unglaubwürdig.

Was mir jedoch in den bescheidenen Tagen meines Restlebens vergönnt war, ist die nach 30 Jahren vollzogene Wiederbegegnung mit Sabine. Freudig und rein war die zögerliche Begrüßung und tief reichten die Gespräche über die wertvollen Stunden beider Leben. Hart beschrieb sich das Schicksal, welches meine einstige Kinderliebe in den Jahren nach der scheidungsbedingten Trennung der beiden Freunde mit sich trug. Imposant erschien mir das Auftreten des einstigen Fräuleins, doch offenkundig war der gereiften Frau verbliebene Zartheit.

Da ich Deinen von Verbundenheit genährten Wuchs kennen darf, Du meine geliebte Honigmaus, weiß ich auch um Deine Aufmerksamkeit, was die hier fällige Kürzung jenes Buches anlangt. Aus rechtlichen Gründen, oh Du mein Schatz, werde ich jene auf die gewollten 404 Seiten fehlenden Aufzeichnungen vielleicht in zwei Jahren, möglicherweise jedoch niemals veröffentlichen.

Was auch immer geschah: Der Verlust meiner Söhne John und Theo ist unverwindlich. Heute bin ich nicht mehr, ich existiere. Lebe wohl, geliebte Honigmaus. Reise, ziehe weit. Und wirst Du meiner Kinder ansichtig, so sage diesen bitte, wie sehr ich ihnen bin und sie mir sind.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten