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Child Removal - Criminal Law - History - Religion - Februar 23, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 25

Im Mai 2005 erhielt ich einen Anruf von meinem nunmehrigen Nachbarn Hermann* (*Name geändert), welcher mich – wie stets – fröhlich und guten Mutes begrüßte: „Tömmchen, ich weiß, Du hast wahrlich wichtigere Dinge zu tun, als einem Privatier bei der Bewältigung seiner minderen Computer-Probleme zu helfen, doch habe ich nun eine recht spezielle Sache. Seit geraumer Zeit kenne ich aus meinem beruflichen Umfeld eine Dame, welche fünf Kinder, einen Vollidioten als Mann und keine Kohle hat. Darf ich dieser Frau Deine Rufnummer geben, sodass du selbst entscheiden kannst, ob Du jener hilfst oder nicht?“ Sofort stimmte ich zu, erhielt wenige Minuten später den Anruf der Dame und bestieg unverzüglich mein Fahrrad, um das Haus der nahe wohnenden Unbekannten aufzusuchen. Zögerlich betrat ich den Vorgarten der Familie und fand ebenda eine Schar in Blumentöpfen wühlender Kinder zwischen drei und zehn Jahren vor. Inmitten ihrer launigen Vogelschar hockte – sauber und wie zum Tanz gekleidet – eine ob ihrer Zierlichkeit scheinbar dem Hungertod unweite Person weiblichen Geschlechts. Nahend erkannte ich ein gänzlich sorgenvolles Gesicht, traurige Augen und anwohnend große Mühe beim Erhalt der Fröhlichkeit ihrer offenkundig ängstlichen Zöglinge. „Guten Tag, ich bin der durch unseren gemeinsamen Bekannten vermittelte Computer-Mann“, sagte ich. Merklich errötet erhob sich die Dame, reichte mir anstelle der von Blumenerde beschmutzten Rechten zum Gruß ihren Ellenbogen: „Schön, dass Sie so rasch kommen konnten.“ Nun blickte die Fremde zu ihren Kindern, welche auf die unausgesprochene Aufforderung der Mutter reagierten: „Guten Tag, Computer-Mann“ grüßten die Kleinsten. Freudig reichte mir ein Küken nach dem anderen seine Hand zum Gruß. Nachdem das witzige Händeschütteln ausreichend zelebriert war, bat ich die Dame, mir den “elektronischen Patienten“ zu zeigen. Im Gehen stellte ich mich mit Namen vor und erhielt als Antwort: „Danke, freut mich. Mein Name ist Lisa* (Name geändert). Über die Dauer von drei Stunden behielt ich an jenem unmerklich beschädigten Notebook Platz. Wohl waren die mit dem Gerät bestehenden Probleme nicht wirklich markant, doch ergab sich über die gesamte Zeit ein auf dem Treppenabsatz endendes Gespräch mit der Mutter jener Kinder.

Freimütig erzählte sie aus den üblen Zeiten ihrer 15-jährigen Ehe (welche sich bereits in der Phase der gerichtlichen Scheidung befand), verständnisvoll lachend gab sie Episoden aus dem Leben ihrer Kinder zum Besten und willig fügte ich Teile meiner Erfahrungen hinzu. Da ich mich nach kaum erledigter Arbeit aber erschöpfendem Gespräch wieder auf den Weg zu meinen Kindern machen wollte, erhob ich mich, reichte die Hand zum Abschied und merkte, dass jene der Dame von Schrunden und Rissen übersät war. Die Beschaffenheit dieser offenbar durch intensive Arbeit geschundenen Haut imponierte mir. „Danke für Ihre Zeit. Was schulde ich Ihnen?“ Eine Frage mit derart unangenehmem Charakter kam mir absolut ungelegen. „Nun, Hermann hat mir bereits mitgeteilt, dass Sie es aktuell etwas schwer haben. Wenn sie mit EUR 50,00 einverstanden sind, berechne ich den nächsten Besuch nicht.“ Sichtbar peinlich berührt griff Lisa* nach ihrem Portemonnaie, zog den einzigen Geldschein aus diesem und sprach: „Ich gebe Ihnen gerne EUR 100,00. So darf ich sicher sein, dass Sie auch wieder kommen.“ Von dieser recht sonderbaren Entscheidung berührt nahm ich den Geldschein, dankte und vereinbarte einen weiteren Termin.

Kraftvoll trat ich auf dem Nachhauseweg in die Pedale. Nach dem Eintreten in das Appartement meiner Familie erzählte ich Sandra von den jüngsten Erlebnissen und brachte somit niedere Empfindungen aus deren Pool an Energien in Bewegung, welche binnen weniger Monate die nun über Jahre glückliche Beziehung vernichten sollten.

Es war August 2006. Die Bekanntschaft zu Lisa* und deren Kindern war zu einer zarten Freundschaft erwachsen. Zwischenzeitlich war ich zum Taufpaten einiger ihrer Sprösslinge geworden und selbst Sandra hofierte wiederkehrend und nicht ungern ihre neue Gesprächspartnerin. Unter dem Titel “Frauenthemen“ kam es sodann zu gemeinsamen Kaffeehaus-Aufenthalten und zu Besuchen im Zoo. An einem Freitag entsprachen Lisa* und deren Kinder einer Einladung meiner Familie und erfreuten uns unter Mitnahme eines Käsekuchens mit deren spaßiger Erscheinung. Sandra war merklich angespannt und verbrachte ungewöhnlich lange Zeit in der schattigen Wohnung, anstelle mit dem Vater ihrer Söhne, der Kinderschar und unserer höflichen Besucherin im von der Spätsommer-Sonne gefluteten Garten zu verweilen. Nach mehrmaligem Bitten um Teilnahme öffnete Sandra das Küchenfenster und rief mich in weinerlichem Ton nach oben. Als ich nun die Küche des gemeinsamen Appartements betrat, stand Sandra mit verzogenem Mund und steifem Arm vor mir: „Tom, ich kann meine rechte Körperhälfte nicht bewegen. Sieh, mein Gesicht ist halbseitig gelähmt und mein Arm bleibt unbeweglich! Bitte schicke diese Leute weg und rufe mir den Notarzt!“ Nach augenblicklicher Entscheidung kam ich ihrem Flehen nach und rief die Ambulanz, welche binnen weniger Minuten aus der gering entfernten Klinik anfuhr. Der nun erschienene Notarzt prüfte Blutdruck, Puls und Gesamterscheinung der Imbalanten, beauftragte einen Helfer mit der Übernahme der Patientin, nahm mich zur Seite und sprach: „Herr Landon, Ihre Frau ist keineswegs gelähmt, eher attestiere ich hier ein psychisches Problem, welches vermutlich auf massivem Stress basiert. Möglicherweise liegt sogar eine Art Aufmerksamkeitsdefizit vor. Keine Sorge also.“ Im Interesse meiner geliebten Söhne und Sandras‘ Wunsch gemäß blieb ich zu Hause und wandte mich intensiv den Bedürfnissen der Kinder zu.

Vier Stunden nach der beinahe dramatischen Abholung der vermeintlich Darbenden kratzte diese an der Tür und machte mich so öffnen. Unter Tiraden der Empörung über die Anamnesen der diensthabenden Ärzte trat die einst Unbeschwerte ein und unterlag just der Hetze gegen Kliniken, Akademiker, Intellektuelle und das Prinzip medizinischer Normen. Kurz: Jene Frau, welche jäh vor der Vermählung mit dem liebenden Vater ihrer Kinder stand, hatte sich auf seltsame wie unschöne Art zum Pflegefall ihres designierten Gatten gewandelt.

Der Herbst des betagten Jahres brachte wochenlangen Starkregen, erfrischende Kühle und bedrückendes Schweigen. Sandra war nicht mehr. Unsere Söhne erfreuten sich an ausgedehnten Märschen und Wanderungen mit dem Vater. Auf Besuche der Kinder in anderen Familien folgten Nächtigungen und Wochenendaufenthalte außer Haus. Die Weihnacht des Jahres 2006 war matt geziert von Trauer, Fassungslosigkeit und Unverständnis. Nach einem unsäglich schmerzvollen Prozess der Loslösung sprach ich meiner Vertrauten die Trennung aus. Sandra bat mich, unsere Söhne für die Dauer eines Wochenendes mit mir zu nehmen und verlängerte die Zeit der ihrerseits beanspruchten Ruhe um weitere sieben Tage. Abwechselnd lebten John und Theo nun bei Mutter und Vater.

Wochen vergingen und es nahte der 14. Februar 2007. An jenem Tag besuchten meine Söhne einen kleinen, kirchennah organisierten Kindergarten und hatten eben das fröhlich gefeierte Frühstück eingenommen, als unerwartet ein Erwachsenenpaar eintrat, meine Kinder mangelhaft gekleidet in die Winterkälte zerrte und verschwand. Man rief mich an und teilte mir mit, dass meine süßen Söhne entführt seien.

Eine Vielschaft an uniformierter Polizei, Zivilisten und Flughafenpersonal versuchte sich in Aufspürung und Rettung meiner Kinder. Der erste Tag der Wegnahme meiner Söhne verstrich, es flohen Wochen und vergingen Jahre. Die quälende, verzehrende und zudem freudlose Suche nach dem personifizierten Sinn meines Seins fand ihr schockierendes Ende durch den Erhalt eines Behördenfaxes: „Sehr geehrter Herr Landon, Ihre Söhne John und Theo befinden sich in der Obhut derer Mutter. Das seitens ihrer einstigen Lebensgefährtin gegen Sie angestrebte Strafverfahren wegen Kindesentführung wurde vom zuständigen Gericht wegen Nichtigkeit eingestellt, da die gemeinsamen Söhne dauerhaft bei der Kindesmutter aufhältlich waren. Wir bitten Sie, sich zwecks Klärung des Umgangsrechtes an das örtliche Jugendamt zu wenden. Mit freundlichen Grüßen.“

Der kurzfristigen Kontaktaufnahme des Familiengerichts in Leipzig folgend, fand ich mich zu einer Anhörung vor dem willigen Richter und einer Jugendamtsmitarbeiterin ein. „Sollten Sie das Umgangsrecht für Ihre Kinder anstreben, so würde ich Sie gewiss in Ihrem verständlichen Bestreben unterstützen.“ Da die anwesende Sozialarbeiterin bis zum kommenden Ende der Anhörung kaum gesprochen hatte, bat ich diese, mir doch etwas über die ihrerseits wahrgenommene Entwicklung meiner geliebten Söhne zu erzählen. Mit gesenktem Blick und bemühter Fassung sprach Sie: „Herr Landon, ich möchte ehrlich mit Ihnen sein. Ihren Kindern wurde seitens der Mutter mitgeteilt, Sie seien im Jahr 2007 in den USA bei einem Verkehrsunfall verstorben. Da der Kindsvater, Sie also, demnach seine Zustimmung hierzu nicht mehr geben konnte, wurden Ihre Söhne John und Theo vom neuen Mann derer Mutter adoptiert. Es tut mir leid, Sie derart schockieren zu müssen. Bitte entschuldigen Sie.“ Geleert um den unbändigen Wunsch eines Wiedersehens trat ich aus dem Gerichtssaal, bestritt den steinigen Weg zum Bahnhof und begab mich auf die Rückreise nach Berlin.

Wie, Du meine geliebte Honigmaus, soll ein totgesagter Vater seinen wundervollen Kindern begegnen, ohne deren Herzen zu brechen? Gewiss niemals mögen meine Söhne die Mutter hassen, welche ihnen den Vater genommen und dem Fleisch das Blut untersagt hat. Lieben sollen sie, denn gezeugt wurden sie in Liebe, erzogen in Bedeutung und belehrt in Wertschätzung.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten