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Criminal Law - History - Religion - Februar 22, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 24

Auch dieser Winter wurde von einem zaghaft antretenden Frühling abgelöst. Beinahe wüst entschlossen stapfte ich an jenem Donnerstag zur U-Bahn, fuhr mit dem Bus zum Flughafen und buchte eilends den Rückflug in die Karibik. Freudig marschierte ich den Weg vom oberen Ende der Müllerstrasse in Richtung des in Gedanken bereits geräumten Appartements, als etwa 20 Meter hinter mir und lautstark ein Fahrrad zu Boden fiel. Nachdem ich mich umgedreht hatte, sah ich eine junge Frau von geringer physischer Größe aus dem nahen Buchladen eilen und deren fruchtlose Bemühung, den offenbar schweren Drahtesel aufzurichten. In nicht schmerzloser Vorahnung gab ich dem Klagen meiner Helfer-Seele nach und ging zurück, um dem jungen Fräulein meine Hilfe anzubieten. „Darf ich Ihnen zur Hand gehen?“ Merklich errötet dankte die junge Frau und versuchte sich erneut in der gleichen Disziplin. Da das Fahrrad ob seines Gewichts und der etwas unglücklichen Handhabe wiederkehrend zu Boden fiel, pries ich meine Hilfe erneut an: „Möchten Sie, dass ich das Fahrrad für Sie aufrichte?“ Nun schon der Peinlichkeit einer selbst gezeugten Verzweiflung nahe, antwortete die junge Dame: „Oh ja, gerne. Also, entweder bin ich zu dumm oder es soll eben so sein.“ Ich bestätigte: „Gewiss sind Sie im Recht. Es soll eben so sein.“ Mit dem nötigen Handgriff richtete ich das Fahrrad auf und reinigte meinen vom Kettenöl beschmutzten Unterarm. „Bitte lassen Sie mich das für Sie machen.“ Flott war die Hübsche in ihren Buchladen gerannt und kam mit einem feuchten Tuch wieder. Etwas grob, doch willig wischte mir das Fräulein also den Unterarm sauber und kam aus dem Stammeln nicht heraus: „Ich bitte um Entschuldigung. Nun habe ich nicht nur Ihre Zeit beansprucht, sondern auch noch Ihre Kleidung beschmutzt. Es tut mir leid. Wirklich. Ehrlich. Bitte entschuldigen Sie.“ Diese Form der Höflichkeit und einer beinahe schon extremen Auslegung von Dankbarkeit hatte ich in jenem sonderbaren Land noch nicht ausgemacht. Da ich willens war, beiläufig meine dreihundert Bücher noch vor der Abreise zu verkaufen, fragte ich jene Buchverkäuferin nach der Möglichkeit des Ankaufes neuwertiger Bücher. Auf diese Weise hoffte ich, uns beide aus jener Situation zu retten. Sofort willigte Sie einer Besichtigung in meinem Appartement ein und vereinbarte den Termin für den Abend des gleichen Tages. Spartanisch war nun die Einrichtung meiner Wohnung und von ähnlicher Natur das Gemüt der jungen Dame. Pünktlich um 18.00 Uhr ertönte der Türsummer und eilig rannte ich die vier Stockwerke zum Hauseingang entgegen. „Danke, dass Sie gekommen sind. Ich freue mich.“ Um das gesamte Ausmaß des vierstöckigen Aufstiegs anzukündigen, ging ich voraus und öffnete schließlich die Wohnungstür. Ich führte die Dame an meine in Kartons verpackten Bücher und hörte erfreut: „Die nehme ich gerne alle. Welche Summe möchten Sie dafür?“ Ich nannte den Preis und auch hierauf vernahm ich eine willkommene Bestätigung. Der Deal war sofort geschlossen und ich bot der Händlerin einen meiner beiden Stühle und eine Tasse Tee an. Vier Stunden später realisierten wir gleichlautend, dass die Zeit wie im Fluge vergangen sei. Da längst die Dunkelheit eingebrochen war, wurde ich nun schon bekannt vorsichtig gebeten, doch noch ein Stück des Weges mit zu gehen. Gerne begleitete ich Sandra – so hieß das hübsche Fräulein – noch bis zu jenem Wohnhaus, in welchem sie logierte. Die Kameruner Straße – dies war bekannt – war lediglich 10 Gehminuten von meiner Bleibe entfernt. Kurz vor der finalen Verabschiedung (wir hatten bereits mehrmals zuvor die gute Nacht gewünscht) sagte Sandra: „Tom, ich möchte Dich gerne wieder sehen. Ehrlicher Weise will ich Dir aber sagen, dass ich noch mit meinem Ex-Freund, von welchem ich mich vor vier Monaten getrennt habe, in dieser Wohnung zusammen lebe. Wir führen also nunmehr eine Wohngemeinschaft.“ Ich nickte, sprach „ist gut“ und reichte die Hand zum Gruß. Zahlreich zogen die aus ihren Kammern gekrochenen Nachtschwärmer Berlins an mir vorüber. Der Tagesverkehr hatte merklich abgenommen und kühl fiel die kalte Luft auf mein Haupt. Ruhigen Schrittes bestritt ich den Weg zur Nachtstätte und kam zur Freude meines Katers Jerry zur Tür hinein. Begleitet von Gedanken an meine Rückreise, die eben gemachte Bekanntschaft und dem Gefühl aufkommender Sympathie für Sandra bereitete ich meinem schwarzen Bartputzer sein Abendessen. Ihn seiner Mahlzeit überlassend, nahm ich eine ausgedehnte Dusche und begab mich hernach unverzüglich zu Bett. Noch vor dem Einschlafen hatte sich für mich manifestiert, dass ich auch diesmal nicht den Weg zurück nach Camino del Sol (Dominikanische Republik) nehmen würde.

Bereits am nächsten Morgen stornierte ich den Flug und traf mich nach deren Dienstschluss mit Sandra. Die Geschichte dieser großen Liebe hatte ihren Anfang genommen. Die Wirren um die gänzliche Lösung aus deren einstiger Beziehung hatten nun auch für Sandra ein gütliches Ende gefunden. Freudig und entspannt traf sie sich wiederkehrend mit ihrer Freundin Resi und vereinbarte ein Kanu-Abenteuer für die Dauer einer Woche. Täglich hatten wir uns bis dato gefunden und ohne jedes Hindernis wuchs unsere Liebesbeziehung. Die nun beiderseits gestattete Körperlichkeit war schön und absolut von Interesse. Für uns beide schien zunehmend klar, dass diese neu gefasste Union längst den Charakter einer ungewöhnlichen Paarung angenommen hatte. Bereits als Sandra von ihrer Zeltwoche zurück gekehrt war, fassten wir den Entschluss, gemeinsam eine Wohnung in der Weddinger Amsterdamer Straße zu beziehen. Beide mochten wir das Wohnen im Umfeld natürlicher Materialien, sodass wir den Boden mit Sisal auslegten, die Möbel aus unlackierten Hölzern bauten und unsere Bettwäsche aus Grobleinen nähen ließen. Es begann in jener unschönen Stadt das gemeinsame Leben zweier unkomplizierter Charaktere, deren unbedingte Vorliebe für die Einfachheit des Lebens bestand. Kamen – wie selten – Unstimmigkeiten auf, so wurden diese in ruhiger Weise, ja sogar im Flüsterton harmonisiert. Die im Sinne eines glücklichen Konkubinats geführte Relation erhielt schier unzählige Tage an Frohsinn, Frieden und Leichtigkeit. „Tom, ich möchte Dich bitten, mit mir eine Vertrauensärztin zu besuchen. Wohl bin ich nicht sicher, doch habe ich ein recht sonderbares Gefühl. Du weißt, ich warte bereits seit drei Wochen auf die Menstruation.“ Freudig und in tiefem Respekt küsste ich ihre Hand. „Darf er John heißen?“, fragte ich eilig. Lächelnd stimmte sie zu. Dann ergänzte sie: „Aber zu John gehört noch der zweite Vorname Paul. Gut?“ Lächelnd nickte ich und umhüllte sie mit ihrer Jacke. Als wir nun in der Ordination der Ärztin angekommen waren, bat diese auch gleich in den Raum mit dem Ultraschallgerät. Die zuvor gereichte Urinprobe war positiv. Vorsichtig trug die Ärztin Gel auf und führte den Schallkopf über den Bauch der schönen und werdenden Mutter. Nie zuvor hatte ich diese (meine) Frau so bezaubernd und rosig erlebt, als in der Zeit ihrer ersten Empfängnis. Ruhigen Atems lag sie erwartungsvoll und sinnig, offenbarte ihren leicht geöffneten Mund, geziert um die Größe ihrer unvergleichlich vollen Lippen. Riesenhaft hob sich der bereits pralle Busen vom sonst morbid konstruierten Körper des Weibes meiner Wahl ab. In den Minuten der willentlich korrekten Positionierung des Schallkopfes schien mir, als wären Länge und Rhythmik der Atmung von Mutter und Vater stimmig. Selbst der durch das Schallgerät aufgezeichnete Herzschlag schien sich mit dem des Mannes jener jungen Frau zu einen. Die merklich hörbaren Kontraktionen des Mutterherzens wichen und gaben gerne Raum für den schnellen Herzschlag unseres Knaben. John lebte. John war. John wuchs. John kam. Am 31. Oktober 2002 gebar Sandra unter großen Strapazen unseren Sohn in einem Berliner Geburtshaus. Noch während der Niederkunft erfasste mich der Zustand des absoluten Erstaunens: Die Mutter meines Kindes kämpfte über Stunden mit der Robustheit ihres Unterleibs, verfügte schließlich die Durchführung eines Dammschnitts – und gab dennoch keinen Laut des Schmerzes von sich. Als sie John final und eigenhändig aus ihrem Schoß holte, weinte sie kurz, küsste ihn und gab ihn mir. Über 1,5 Stunden lag unser Fleisch und Blut auf meinem Bauch, sog fruchtlos an meinem kleinen Finger und schlief erschöpft ein. Wie zuvor bei der Geburt ihres Kindes schwieg die junge Frau selbst beim Nähen ihres Dammes. MeineFreude über die offenbare Gesundheit von Mutter und Kind sowie meine im Gleichlaut erhaltene Vaterschaft schwanden hinkend an der Krücke aufkommender Zweifel. Am Abend des gleichen Tages bestand Sandra auf das Verlassen des Geburtshauses und die Rückkehr zur heimischen Wohnung. Das neue Glück trat ein, das alte Glück trat aus.

Über sechs Monate war das Leben unserer kleinen Familie vom Langschlaf der Mutter meines Sohnes John geprägt. Sodann wuchs John im Wickeltuch des Vaters heran. Pünktlich und seinem niedlichen Fordern gemäß erhielt mein Liebling auch nachts jene Milch, die ihm seine Mutter vorenthalten musste, da ihr anders nicht war. All das in Theorie resorbierte Pseudowissen über den Zustand postnataler Depressionen reichte freilich nicht, um meiner schlafenden Prinzessin das Leben zu gebären.

Etwa am Tag 190 nach ihrem Abgang in die Tiefe der Freudlosigkeit entwich Sandra dem Bett, schlich am schlafenden John vorbei und kam zu mir, um sich in völliger und reizender Nacktheit zu zeigen. Wärmend und breit stieg die Sonne durch das doppelt angelegte Fenster in den kleinen Salon. Just feierlich und in überzeugender Anmut nahm diese weiche Schöne meine rechte Hand, legte sie in voller Entfaltung auf ihre Scham und sprach: „Hier bin ich, Dir gehöre ich.“ Dann zog sie mich gerne an sich, machte sich breit und nahm mich in sich auf. Als für uns beide nach gierigem Aufstieg die lichteste Höhe der Körperlichkeit beinahe erreicht war, einten sich unsere Augen zu einem Blick: „Bitte bleib“, hauchte Sie. „Wenn Du es wünschst, darf ich Dir heute den Bruder für unser Kind reichen“, flüsterte ich. „Ja, bitte gib ihn mir – jetzt“, flehte sie. Dann wurde sie ohnmächtig. An jenem Tag empfing sie Theo, den geliebten Bruder unseres ältesten Sohnes John.

Ähnlich der Schwangerschaft mit John wand sich
Sandra durch die Zeit der Reife mit Theo. Schwer trug sie den strammen Knaben durch die Hitze des Sommers aus und bedeckt von kaltem Schweiß gab sie unserem jüngsten Sohn am 14. Januar 2004 sein Leben. Diesmal empfahl die Hebamme das “Stillen um jeden Preis“. Da Theo aufgrund seiner Anlage einen schier unstillbaren Hunger zeigte, zerkaute er seiner mutigen Mama bereits am dritten Tag dessen glücklicher Erscheinung beide Brustwarzen. Schließlich erhöhte sich der Anteil des mütterlichen Blutes in Theos‘ Mahlzeiten derart dramatisch, dass sich die aufgetretene Mastitis (Brustdrüsenentzündung) für das jüngste Mitglied unserer lieben Familie ebenso unüberwindlich erwies, wie für dessen Mutter schmerzhaft offenbarte. Sandra und Theo kamen in der nahe gelegenen Klinik unter und erhielten ebenda jene Pflege, welche sie binnen weniger Tage für die gewünschte Heimkehr erstarken ließ.

Es nahte das Ende des Januar 2004 und schwer fielen die nassen Flocken des nahenden Westwetters auf den in der Berliner Müllerstrasse von achtlosen Passanten belassenen Unrat. Groß und schmerzlich kamen die Erinnerungen an meine duftige Heimat hoch. In den Minuten meiner Überlegungen erfasste mich das bestimmte Gefühl der Verantwortung für ein gänzlich unreines Umfeld als Tatsache im jungen Leben meiner Kinder. Auch wurden binnen dreier Tage in mittelbarer Nähe drei Gewaltverbrechen (Raubüberfall, Sabotage und Mord) verübt. „Sandra, bitte lasse uns sofort umziehen“ gebot ich. Unmittelbar stimmte sie zu. Die Arbeiten um die Räumung unserer nicht unschönen Dachterrassen-Wohnung erwiesen sich als wenig kompliziert.

Es war Donnerstag, der späte Nachmittag gab uns einen lauen Wind und so folgten wir dem bereits in seiner Sandmuschel spielenden Johny auf die mit rauen Holzblanken ausgelegte Terrasse. Sandra umklammerte den kleinen Theo und lächelnd berührte ich ihre linke Wange. Plötzlich änderte sich die Gesichtsfarbe der jungen Mutter und markant quollen die in den tiefen ihrer Höhlen ruhenden Augen hervor. „Tom, bitte nimm mir Theo ab, ich habe Angst, ihn vom Dach fallen zu lassen“ sprach sie. Nun trat ich den verbliebenen Schritt auf Sandra zu, nahm Theo an mich und beruhigte sie mit dem Hinweis, dass wir eine etwa 1,70 Meter hohe Stahlbrüstung und ein 2,50 Meter hohes Katzennetz schützend vor uns hätten. Just machte sie kehrt, schluchzte kurz und zog sich zurück.

Der Abend trat mit Nebel und Kühle ein, um die spätere Nacht zur winterlichen Kälte zurück zu führen. Spontan hatte ich den Mietvertrag für das Appartement in der Berliner Berlepschstraße unterzeichnet und nicht minder spontan wählten wir die Einrichtung: Braunes, beinahe riesenhaftes Sofa, beige gelaugte Weichholzmöbel, überdimensionaler Schwebetürenschrank, Kinderbetten in Fichte und Kiefer, elterliches Gemach schlicht, Schlafstätte auf dem Boden. Die Nachbarschaft gab sich kinderlieb und rasch erhielten unsere glücklich heran wachsenden Söhne Freunde und Bekannte.

Zur Entlastung der Mutter meiner Kinder und im Sinne der endlichen Absolvierung deren Biologie-Studiums nahm ich John und Theo oftmals in Wickeltuch und Rückentrage mit mir, um den für mich nötigen und der Familie dienlichen Firmenbesuchen nachzukommen. Stets zeigten sich die Notare und Rechtsanwälte, mit welchen ich kommunizierte, verständnisvoll und hilfreich. Selbst die Gabe des Fläschchens an den Säugling wie das Wickeln vor, während oder nach dem jeweiligen Gespräch erschien eher originell als störend. Es folgten annähernd harmlose Jahre in Ruhe und relativer Regelmäßigkeit.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten