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History - Nature - Religion - Februar 21, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 23

Wochen nach der schmerzlichen Trennung von Doreen erhielt ich nach erfolgreicher Suche in einem Anzeigenblatt ein kleines Appartement im wenig ansprechenden Bezirk Berlin-Wedding. Bereits während der dritten Nacht in meiner neuen Unterkunft entstand eine Schießerei auf offener Straße. Der Grund: Ein türkischer Jungmann hatte dessen Schulkollegen als “Sohn einer Ratte“ bezeichnet. Der just Entehrte rannte an den Waffenschrank des Onkels, kehrte zum Feind gewordenen Streitpartner zurück und streckte diesen mit einem Kopfschuss nieder. Einige in jener Wohnstraße ansässige Deutsche riefen die Polizei. Als die vermummten Einsatzkräfte eintrafen, war die Leiche des Opfers bereits – verschwunden. Selbst das Blut des Toten war eilends mit Wasser aus Gießkannen vom Stockpflaster gespült worden. Genauer zogen es die Mitglieder beider Familien vor, die sterblichen Überreste des Schülers im Kofferraum eines PKW verschwinden und noch in der gleichen Nacht in die Heimat der Ur Familie fahren zu lassen. Auf den blutigen Vorfall angesprochen, meinte der Sohn eines Döner-Verkäufers: „Keine Leiche, kein Verbrechen. So lösen wir das bei uns.“

Als einzigen Ruheplatz außerhalb meiner Hinterhof-Bleibe fand ich einen Gottesacker (Friedhof). Täglich spazierte ich durch die Grabreihen und dachte an die wundervolle Zeit in meiner karibischen Wahlheimat. Es war Winter des Jahres 2000 und der Schnee lag auf den Moos-Kissen. Die leicht aufgefirnte Oberfläche zeigte glitzernde Kristalle und Tröpfchen bildeten sich am Rande der Eiskrusten. Die Sonne, welche hier und dort brav ihren wärmenden Dienst leistete, gab aus den kürzlich niedergelegten Kondolenzkränzen zarte Düfte frei. Mein gedanklicher Weg – einem Tagtraum gleich – führte mich geschlossenen Auges an die Mango-Plantagen in “Rio San Juan“. Ein Imker bot mir den unvergleichlichen Nektar der Mango-Blüte und die Honig-gefüllten Waben seiner Bienen zur Verkostung an. Das sonore Brummen der Bienen erhellte mein Gesicht, ließ mich lächeln und dankbar sein. Nichts und niemand auf dieser Welt konnte mir das göttliche Geschenk meiner Jahre in der Dominikanischen Republik entreißen. Nun entstieg ich dem wärmenden Traum und ging entschlossenen Schrittes zurück zur Wohnung, um mich dem längst fälligen 24-Stunden-Dauerschlaf zu unterwerfen. An jenen Tagen hatte ich unter energetisch großem Aufwand die gedankliche Loslösung vom ersehnten Leben im irdischen Paradies vollendet. Es war die Zeit reif, um mich intensiver dem Arbeiten im Sinne meines selbst finanzierten Ruhestandes zu widmen. Kurz entschlossen ging ich deshalb zum nächsten Kaufhaus und erwarb eine hochwertige Videokamera digitaler Bauweise. Da ich mich erfolgreich um den Dreh anlässlich des allseits empörenden Aufmarsches der größten deutschen Rechtspartei und der radikalen Linksströmung der Stadt bemüht hatte, fuhr ich an jenem regenreichen Tag zum Straußberger Platz zu Berlin.

Mehrere Tausendschaften an Polizisten des Landes, etwa dreihundert Faschisten und rund tausend Demonstranten waren angetreten, um sich – wie später klar wurde – eine blutige Schlacht unweit des Alexanderplatzes zu liefern. Wie unangenehm die Produktion von Video Material für hiesige TV-Sender werden kann, zeigte sich umgehend: Vorab musste ich bei der Einsatzleitung vorstellig werden, meine Akkreditierung, den Inhalt meiner Taschen und den schriftlichen Auftrag zur Fertigung des Medienmaterials vorweisen. Sofort wurden mir acht (8) mehrfach bewaffnete und mit Schutzwesten gesicherte Beamte zugewiesen. Jedem reichte ich die Hand und dankte für den Beistand. Als ich zur Findung eines geeigneten Stand- und Startplatzes für meine Aufzeichnung nach rechts blickte, sah ich – dem bodennah liegenden Nebel entstiegen – die bleiche Riege der Faschisten. Schweigend standen sie in Reihen zu drei Personen, hielten ihre mit Kordeln umrahmten Kreuz-Fahnen aufrecht und warteten geduldig auf die Freigabe des Marsches. Bedrückend erschien mir deren Schweigsamkeit und ungewiss das politische Ziel dieser Gruppe. Einzig die mit Slogans bedruckten Transparente wiesen erwartungsgemäß die Schande aus: „Deutschland den Deutschen!“ und „Von Deutschen gezeugt, von Deutschen geboren!“ Ohne weitere Ankündigung brüllte einer der ebenso erschienenen und zahnlosen Punks: „Ob Ost, ob West, nieder mit der Nazi-Pest!“ Massiv und lautstark skandierten dessen Begleiter den Ruf des Kollegen und binnen Sekunden brach wenige Meter vor mir die Masse der Linken los, um auf polizeilich vordefinierter Bahn in Richtung Alexanderplatz zu stapfen. Aller Demonstranten Fäuste ragten rhythmisch gen Himmel, spuckend, fluchend und wütend wagte man sich im Stechschritt voran. Auch der Demonstrationszug der Rechten hatte sich nun in Bewegung gesetzt. Stumm näherte man sich in gewichsten Stiefeln und geplätteten Hemden dem unvermeidlichen Aufeinandertreffen mit den “anderen Deutschen“. Als der – durch den Straßenbau bedingte – schwindende Abstand der beiden verfeindeten Züge etwa 200 Meter erreicht hatte, kam über die Funkgeräte meiner amtlichen Begleiter eine Anweisung der Einsatzleitung durch. Einer der mit Schutzhelm versehenen Polizisten trat an mich heran und sprach: „Herr Landon, wir sind angewiesen, Sie sofort aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Ihre Sicherheit können wir nun nicht mehr garantieren.“ Einsichtig nickte ich und ließ mich durch zwei Einsatzwagen-Reihen führen. Meine Arbeit war beendet, der Faustkampf der Überzeugungsgegner durch die Zündung eines Sprengsatzes begonnen. Das also war das fremdenfreundliche Deutschland des Jahres 2000. Gerne wäre ich fern geblieben.

Wieder war Frühling und meine Tage in Berlin sollten dem eigenen Willen gemäß gezählt sein. Mit einem Bekannten fuhr ich – dessen Einladung folgend – in Richtung eines unweit des Bezirks gelegenen Reisebüros, ob dessen Bedürfnis zum Kauf einer kalten Erfrischung jedoch zur nächsten Tankstelle. Da ich ungern den Geruch von Motoröl und Frostschutz einnahm, entschied ich mich zum Verbleib außerhalb des Verkaufsraums. Gerne stellte ich mich in den frühen Sonnenschein und gab mich über einige Minuten dessen wärmenden Berührungen hin. Tief atmete ich das Licht ein und spürte eine nicht unangenehme Berührung an meinem linken Arm. „Guten Morgen, darf ich Ihnen ein Erfrischungsgetränk anbieten?“ Ich senkte meinen Kopf zur wohlig weiblichen Stimme und sah ein auffällig andersartiges Gesicht mit großen Augen auf mich gerichtet. „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken, doch gerne eine Dose jenes Drinks anbieten. Darf ich?“ Die Offensive dieser jungen Frau ließ mich zwei Schritte zurück gehen, um derer vollends ansichtig zu werden. Vor mir stand eine schlanke, über Gebühr geschminkte, etwa 23-jährige Dame mit schmalen Hüften und großen, blauen Augen. Auch erkannte ich den Typus einer “Promotion-Dame“ mit dem unbedingten Willen zum Vertrieb der anvertrauten Blechbüchsen. „Darf ich Ihnen eine Dose schenken?“ Dankend lehnte ich ab. Als mein Bekannter aus der Tankstelle kam, verwies ich auf dessen gewusste Vorliebe für “Energy Drinks“. Freudig gab die Dame ihrem neuen Kunden zwei Dosen und fragte mich: „Was trinken Sie sonst? Wein? Bier? Milch?“ Ich antwortete: „Milch, Wasser, Tee – und die Ergüsse der Liebe.“ Gerne wollte sie lachen, doch bei einem Lächeln sollte es bleiben. Da ich mein dringliches Vorhaben zum Verlassen dieser Stadt wohl nicht vergessen hatte, erinnerte ich meinen Begleiter an den Besuch des Reisebüros. Widerwillig löste er sich aus der Nähe dieser schönen Unbekannten und bestieg seinen Wagen. „Ich bin die Silke. Darf ich Ihnen meine Telefonnummer geben?“ Höflich wies ich darauf hin, dass ich merklich in Eile war und gab dieser Unkeuschen mangels persönlicher Bemühung meine Visitenkarte. Sodann nahm ich die Position des Beifahrers im PKW meines Bekannten ein und bat diesen, endlich los zu fahren. „Sachsen-Fo***, dumme!“, sprach er. „Die hättest Du sofort flach legen können, Tommyboy!“ Meinem Begleiter zur Belehrung teilte ich mit, dass ich weder Interesse an einem Beischlaferlebnis, noch weniger an einer intimen Begegnung mit einem Wesen derart markant sächsischer Dialektik hatte. Auch machte ich klar, dass mein Begehren lediglich in der Erlangung eines Flug-Tickets nach Puerto Plata bestand. Ich wollte nach Hause (in die Dominikanische Republik) – und das bestens sofort.

Die Besorgung des Flugscheins war erledigt und zufrieden mit dem Stand meiner Reisevorbereitungen lud ich Roberto (so hieß der Begleiter) in Dankbarkeit zum Forellen-Schmaus an der Weddinger Müllerstrasse ein. Eben hatten wir Platz genommen, als die uns beiden bekannte Corinna eintrat. „Oh, die beiden Fürsten speisen wohl und möchten nicht gestört werden.“ Ich entgegnete: „Wenn Du weiterhin Banalitäten verbreitest, dann störst Du wirklich.“ Corinna war eine der “Fallweise-Gespielinnen“ des genannten Roberto. Die dererseits praktizierten Treffen führte Corinna vollmundig unter dem Arbeitstitel “Pickel weg fi****“. Ich war an der Grenze der Appetitlosigkeit. In der Tat hatte jene freche Blonde merklich unruhige Gesichtshaut. Als Corinna mich nun auf eine Runde “Couch Billard“ einlud, war meine Grenze zur lukullischen Unlust gänzlich überschritten. Ich zeigte auf den Ausgang des Restaurants und stellte ihr in Aussicht, sie beim Verlassen des Lokals kraftvoll zu unterstützen. Kommentarlos verließ sie unsere Zusammenkunft.

Corinna war eben wieder unter freiem Himmel, da piepte mein Telefon. Eine Kurznachricht mit Inhalt „Hallo, hier Silke“ hatte mich erreicht. Entsprechend der Kürze ihrer ersten Nachricht lud ich Silke kurzerhand zu einem Abendessen ein. Jenes Treffen sollte den Ausklang des gleichen Tages bestimmen. Laut Reiseplanung hatte ich noch 72 Stunden bis zum ersehnten Abflug und entwickelte allmählich Interesse für diesen Menschen weiblichen Geschlechts.

Das indische Restaurant, in welchem das erste Aufeinandertreffen mit Silke stattfinden mochte, lag in orangem Licht und war gänzlich mit Liegen, Kissen und Nackenrollen ausstaffiert. Der Duft asiatischer Aromen und Gewürze begleitete offenbar gerne den einzigartigen Geschmack jener Frau, welche ich Stunden zuvor erstmals zu Gesicht bekommen hatte. Weder die Geschichte der Schönen selbst, noch meine Herkunft hatten in jener Diffusion die Wichtigkeit, verbalisiert Erwähnung zu finden. Die beinahe geräuschlose Kommunikation war mir wie Balsam auf den geschundenen Füßen des Pilgers. Höflich bedankte sich Silke für das deliziöse Abendessen und bat mich erwartungsgemäß, sie nach Hause zu begleiten. Witziger Weise wurde mir in jener Situation bewusst, dass ich bis dorthin noch nie mit einer Fremden gegangen war, um mit ihr spontan das Kissen zu teilen. Partout sollte es auch in dieser Nacht nicht anders sein: Nach nicht enden wollender Umarmung und köstlichen Küssen dankte auch ich für die gute Zeit und machte mich lieber auf den Weg zu meinem Appartement. Dass die Verabschiedung von geringer Effizienz sein sollte, war mir auch deshalb klar, da Silke eine Frau mit animalischen Zügen, blankem Konto und leerem Kühlschrank war. Meine Anziehung auf den Schlag des weiblichen Taugenichts stand fest, der desaströse Verlauf der kommenden acht Monate ebenso. Dreimal täglich begegneten wir uns, ebenso soff Silke drei Flaschen Rotwein leer, musste dreimal deftig essen und benötigte mindestens drei Orgasmen pro Beischlaf. Kein Problem und gerne. Gänzlich inakzeptabel jedoch war deren Verbrauch von mindestens drei Packungen Zigaretten und dreihundert D-Mark an Bargeld – täglich. Ebenso täglich nahm deren Drogenkonsum zu, weshalb ich sie und deren Freundin zu einer Reise in die Dominikanische Republik einlud.

Im Dezember 2000 war es endlich soweit: Nach Absolvierung eines Nichtraucher-Fluges kniete ich am Flughafen zu Puerto Plata dankbar nieder und durfte mich zu Hause wähnen. Die Busreise zum Hotel war erträglich und die Ankunft ebenda freudig. Nach zahlreichen Umarmungen mit den Empfangsdamen, dem Hotel-Management und den Sicherheitsmitarbeitern (welche ich beinahe vollständig über Jahre kannte) bezogen wir unser Zimmer unweit des Strandes. Zuwider meiner Freude über die Wiederfindung meiner einstigen Wahlheimat erbrach Silke über die kommenden 18 Tage ihre Ungemach die Hitze, das üppige Essen, die dauerhaft freundlichen Menschen, die hohe Luftfeuchtigkeit und den Gleichlauf des Lebens betreffend. Da ich geraume Zeit zuvor bereits beschlossen hatte, mich niemals mehr der Undankbarkeit anderer auszusetzen, brach ich die Reise nach besagter Spanne ab und verfrachtete jenes Frustpaket samt Freundin zurück in das tief verschneite Berlin.

Es war der 24. Dezember 2000 und Weihnacht. Gewiss hatte ich Geschenke für beide Weiber – und meinen Kater Jerry, welchen ich für die Dauer der Reise und blutenden Herzens der mangelnden Obhut einer bezahlten Helferin überantwortet hatte. „Frohe Weihnacht, Silke. Hier ist mein Geschenk für Dich. Zum Abschied.“ Sprachlos stand sie da, vergoss eine Träne, tröstete sich mit dem Schuhkarton kostspieligen Inhalts in der einen und einem Bündel Bargeld in der anderen Hand.

Nachdem ich nächtens noch die Wohnung vollständig gereinigt, den Vorrat an Katzenspeisen und Lebensmitteln aufgestockt hatte, feierte ich die stille Nacht in all ihrer Heiligkeit mit meinem süßen Kater Jerry. Surrend pfiff der kalte Wind an unseren Fenstern vorüber. Dann ereilte uns der Schlaf.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten