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Criminal Law - Health - History - Nature - Religion - Februar 18, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 20

Nach freundschaftlicher Verabschiedung steuerte ich mein Fahrzeug in Richtung Cabarete, um jenen langjährigen Freund kubanischer Herkunft aufzusuchen, welchen ich bis dorthin über geraume Zeit nicht getroffen hatte. Hiacinto (so der Name des Freundes) betrieb an der westlichen Ausfahrt Cabaretes eine kleine Zigarrenmanufaktur großer Bekanntheit und vermochte mit einer Vielzahl an Freundlichkeiten das Gros seiner Kunden für sich zu gewinnen. Kaum hatte ich die Osteinfahrt der Kleinstadt erreicht, sah ich mich gezwungen, das Fahrzeug anzuhalten und Deckung zu suchen. In der Tat wurde – gut hörbar – der wüste Streit zweier Männer auf offener Straße ausgetragen, welcher die durch den Einen genannte Unrechtmäßigkeit des Anderen zum Inhalt hatte. Binnen Minuten fanden sich zwei Beamte der Tourismus-Polizei ein, um sich vergeblich an der Schlichtung der lautstarken Auseinandersetzung zu versuchen. Nun fasste jener der Straffälligkeit beschuldigte Aggressor in seine weite Hosentasche, zog eine Faustfeuerwaffe und drohte seinen Streitgegner zu erschießen. Mutig brachten sich mehrere Frauen ein, welche dem Bewaffneten laut schreiend die Thematik zum Vorwurf machten. Offenbar war der schießwütige Kämpfer des Kindesmissbrauchs angeschuldigt und galt als wohlhabender Lieferant nicht-dominikanischer Menschenhändler. Der Ausruf dieser Schande verkürzte das Leben des öffentlich Abgeurteilten auf die restlichen Sekunden der eben begonnenen Minute. Der dem brüllenden Totgesagten nächste Polizist entsicherte seine Dienstwaffe, legte am Nacken des angeblichen Schänders an und eliminierte diesen mit einem Genickschuss. Heiß und massiv ätzend trat die an meinem offenen Mund harrende Atemluft in den Rachen, quälend und rebellisch kontrahierte mein Magen. Die Hinrichtung eines der Physiognomie nach gleichartigen Individuums wider Willen bestaunt zu haben, ließ mich um die Hoffnung auf allgegenwärtige Vernunft verarmen. Rasch löste sich die Versammlung im Zentrum Cabaretes auf, die Leiche des Getöteten war bereits auf einen Kleinlastwagen geworfen und abtransportiert. Betäubt von der Resorption der jüngsten Erfahrungen parkte ich den Wagen nahe der kleinen Kirche und betrat das unbeleuchtete Innere des Gotteshauses, wie den Bauch der Erkenntnis. Erschöpft und flehend ließ ich mich auf die Knie fallen, um Gott um Weisheit zu bitten.

Unverhofft lag eine warme Hand auf meinem Haupt: „Hallo, man nennt mich Mamita. Ich bin die Seele jener Kirche.“ Über meine linke Schulter blickend sah ich eine kleine, merklich korpulente, etwa 65jährige Dame mit Hornbrille auf der Nase, welche mich gütig anlächelte. Nun richtete ich mich auf, reichte Mamita die Hand, wollte mich eben vorstellen und erhielt die Ansage, dass man wisse, wer ich sei. „Du bist für uns der Hexer (“el brujo“). Wann immer Dich die haitianischen Gastarbeiter sehen, wechseln sie aus Furcht die Straßenseite. Ich aber habe Dich erkannt. Du bist gut.“ Feierlich gebot mir Mamita, ihre kleine Kirche wiederkehrend zu besuchen, um mich der Stille jenes christlichen Gotteshauses zu ergeben.

Erfüllt von Dankbarkeit und Freude begab ich mich nach Sosua, um ebenda einige administrative Belange zu lösen. Kurz nach Erledigung jener Notwendigkeiten suchte ich eine der vielen Freiluft-Bars auf, um eine fruchtige Labung zu mir zu nehmen. Ebenda bediente mich eine hübsche Kapitalbusige, welche mir spontan ihre genitalen Dienste anbot: „Na, schöner Fremder, da ich Dir nun jene Erfrischung gereicht habe, gibst Du mir jetzt Deinen Saft?“ In der Manier des niederösterreichischen Katholiken und ob der Direktheit dieser Dienstwilligen etwas irritiert, bat ich jene, mir doch die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Und tatsächlich legte sie los: „Du bist ein schöner Mann. Willst Du mich heiraten? Ich mache alles, was Du Dir als Mann wünschst. Du kannst mich haben und behalten. Aber ich sehe schon, dass Dir meine Lebensgeschichte wichtig ist. Nun: Geboren bin ich in San Francisco de Marcoris. Als ich 12 war, wurde ich von einem Onkel vergewaltigt. Um mich schweigsam zu halten, gab er mir 50 Pesos. Dieses Ereignis war bezeichnend für mein Leben. Liebe wollte ich, Geld habe ich für Sex bekommen. Nun aber, lieber Fremder, ist meine Familie sehr arm. Mein Vater hat die Sippe anlässlich meines vierten Geburtstages verlassen, meine Mutter lebt immer noch in jenem kleinen Holzhäuschen am Stadtrand. Für Schule, Bücher und Uniform hatte meine liebe Mama kein Geld. Pünktlich zur ersten Menstruation drängte mein Onkel darauf, mit mir zu verkehren. Unsere Tochter lebt nun als Kind meiner unfruchtbarer Tante in deren Haus. Anlässlich der letzten Begegnung mit meinem Onkel empfing ich ein weiteres Kind. Dieses war aber leider behindert. Da ich verzweifelt war, bat ich meine Tante um Rat. Sie erzählte mir nun, dass die Mütter missratener Neugeborener diese traditioneller Weise zum “Lago Enriquillo“ im Landesinneren bringen. In jenem See leben Salzwasserkrokodile. Erreicht eine junge Mutter mit ihrem todgeweihten Säugling das Ostufer, legt sie diesen dort ab und überantwortet die Frucht ihres Leibes den Echsen. Binnen Minuten nehmen die Krokodile das Kind mit sich. Keine Frau kann diesen Verlust jemals verkraften. Um mich abzulenken, verließ ich meine Heimatstadt. Seit meinem 16. Lebensjahr wohne ich nun in Sosua und treffe Touristen, um mit ihnen – naja, Du weißt schon. Meist sind die Herren so betäubt, dass sie es nicht einmal schaffen, das Kondom über ihren Schwanz zu ziehen. Ich helfe dann, dem jeweiligen Besucher seinen Glauben an die eigene Manneskraft zu erhalten und -, naja, Du weißt schon. Sobald ich den Betreffenden geritten habe, nehme ich mir meinen Lohn aus dessen Tasche und bin bereit für den nächsten Stier. Sieh, Fremder, ich möchte mit Dir ehrlich sein: Sobald ein Mann für Geld mit einer Frau schläft, hat er meinen Respekt verloren. Ein Großteil dieser ist sowieso verheiratet, somit eine Horde elender Betrüger. Ach: Mein Name ist Rosalinda.“ Gerne wurde ich ebenso vorstellig: „Es ist mir ein Vergnügen, Dich kennen zu lernen, Rosalinda. Mein Name ist Tom.“ Sichtbar neugierig warteten die im Umkreis sitzenden Touristen ab, um mich endlich im Zimmer der schönen Rose verschwinden zu sehen. Zur Überraschung aller gab ich Rosalinda die Ehre, deutete im Stile des koketten Tanzschulbesuchers den Handkuss an, legte tausend Pesos (etwa das Monatsgehalt eines dortigen Hotelmitarbeiters) in ihre Rechte und sprach: „Danke für diese Zeit Deines Lebens. Bestimmt bist Du eine bezaubernde Fee. Die 1.000 Pesos sind für Deine Mama. So wissen wir beide, liebe Rosalinda, dass Du Dir und ihr damit zwanzigmal 30 Minuten Sorge vor einer tödlichen Infektion ersparst. Geh mit Gott, schöne Frau.“ Unverhofft beugte sich die junge Dame über den Tresen, um mich innig zu umarmen. „Danke, Tom. Wer weiß: Hätten wir uns 10 Jahre früher getroffen, wäre ich rein und Du wärst der Erste gewesen, mit dem ich – naja, Du weißt schon.“ Sanft strich ich der Wohlbehaltenen über die rechte Wange, nickte und ging.

Es war Abend geworden, die kommende Nacht begleitete meine Heimfahrt mit ihrem wolkenlosen Firmament. In Camino del Sol angekommen, stieg ich sofort auf das betonierte Bermuda-Dach des Hauses, in welchem ich wohnte, legte mich an die von der Sonne des heißen Tages gewärmte Schräge und blickte tief in die Ungewissheit des Sternenhimmels. Weder zuvor, noch danach hatte ich derart viele Himmelskörper und Sternbilder gesichtet. Ich war emotional am Ende. Die Entscheidung zum Verlassen der Dominikanischen Republik hatte sich genähert, mich berührt und war getroffen. Der aufgehende Mond ergoss in seiner durch Interferenzen bedingten Reflexion schier jenes Blut, welches mir über all die Jahre aus den Körpern unzähliger Opfer über die Hände geflossen war. Müde vom Tag und dessen Dramatik ging ich zu Bett und verlor ob der Schwere meiner Erschöpfung die Besinnung.

Der folgende Tag war reich an Begegnungen, das endlich zustande gekommene Treffen mit einem langjährigen Bekannten absolviert, als auch bereits die weißen Papageien von der Küste in das Landesinnere zogen, um sich die Stätte für die Nacht zu suchen. Gesättigt von den Düften zahlreicher Straßenrestaurants und belegt von den Rhythmen lateinamerikanischer Musik begab ich mich im Strom der heißen Winde auf den Weg nach Sosua.

Etwa auf halber Strecke – ich hatte kaum die Ausfahrt von Cabarete erreicht – war bereits eine mit Handlampen beleuchtete Gruppierung von Menschen zu erkennen. Es zeigten sich zwei qualmende PKW und die auf der Straße liegenden, regungslosen Körper dreier Personen. Ich hielt den Wagen an, trat auf die Menschenmenge zu und fragte nach dem Vorfall. Sofort klärte man mich auf und ließ mich wissen, dass hier Männer dominikanischer, französischer und deutscher Herkunft Opfer eines Frontalzusammenstoßes geworden seien. Vom zweifelsohne berührenden Anblick dreier Sterbender erstarrt, hielten die etwa vierzig Tatenlosen den ungebührlichen Abstand zu den Endlichen. Unverhofft hob einer der Verunfallten seinen rechten Arm und gebot mir, mich ihm zu nähern. So schritt ich auf ihn zu, sah, dass seine Mundhöhle bereits vollständig mit Körpersäften gefüllt war und drehte sodann sein Haupt vorsichtig zur Seite. Unter Keuchen, Röcheln und Husten quoll ein Strom an Blut und Erbrochenem aus dem Rachen des Bedauernswerten. Flehentlich bat er mich, ihn ob der Hoffnungslosigkeit seines Zustands auf meinen Schoß zu heben. Da dessen Ende im Laufschritt zu nahen schien, kam ich seiner unausgesprochenen Bitte nach. Trotz der unwillig schwindenden Hitze des Tages bebte der Unbekannte in meinen Armen. Sein Zittern durchdrang das Mark meiner Gebeine und unter dem gänzlichen Verlust jeglicher Körperfunktion entwich seine Seele der abgedienten Hülle einer fleischlichen Existenz. Nun schloss ich meine Augen, spürte ihn gehen und erhob mich unter sorgsamer Weglegung der sterblichen Reste. Das Spalier an Betrachtern öffnete sich mir und ließ mich wortlos meine blutige Kleidung nach Hause fahren. Das sonst übliche Treiben auf den Wegen und Straßen hatte in jener Nacht keine Fortsetzung gefunden. Es schien mir, als würde die für diese Tageszeit ungewohnte Stille den kürzlich geschiedenen Seelen den Dank für deren einstige Existenz bezeugen. Nachdem ich das Blut des Toten von meinem Leib gewaschen hatte, fand ich meine Nachtruhe im Glauben an einen weiteren Morgen.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten