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Corruption - History - Religion - Februar 15, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 16

Über Epochen meines gefühlt mittelalterlichen Lebens dachte ich an die Ausübung des Schauspieler- und Sängerberufs. Anlässlich meines siebenundzwanzigsten Jahrestages traf ich in Wien auf einen plumpen Regisseur und Theatermacher, welcher mir eine durchaus hilfreiche Empfehlung aussprach. Seiner Idee folgend, produzierte ich eine szenische Lesung unter Mitwirkung seinerselbst und dessen Bekannter. Bianca – so der Willigen Name – drängte in der Tat darauf, mit dem blauäugigen Freigeist ohne Kenntnis seiner moralischen Herkunft zu kopulieren. Nun, wohl war mir bereits in recht jungen Jahren kaum eine menschliche Regung (so auch die fleischliche Lust) fremd, doch erschien mir die rüde Vorgangsweise jener jungen Nymphe etwas unerotisch.

Eine erste Stellprobe im Salon des Regisseurs verlief unerwartet handgreiflich. Dies, da Bianca – praktizierende Buddhistin – bereits in den ersten Minuten jener Tischgemeinschaft entschlossen an meinen Hosenstall fasste. Anstelle meiner Empörung Ausdruck zu verleihen, agierte ich gemäß der Freiheit allen Handelns: Ich stellte etwa gleichzeitig fest, dass Bianca unter ihrem kurzen Rock kein Höschen trug. Wie auch immer: Es war Ostermontag und Bianca hatte bereits eine Einladung ausgesprochen – für sich bei mir. Der unappetitliche Regisseur wollte jedoch nicht wahrhaben, dass Bianca keines jener Tüsschen war, welches sich in der Hoffnung auf das große Engagement selbst für das grässlichsten Walross bückte.

Frühzeitig rückte ich ab, überließ die beiden Opponenten ihrem Streit und erhielt kurz nach Eintreffen in meiner St. Pöltener Wohnung den einen Anruf, welcher mir die bis dorthin unangekündigte Anreise der beiden Theaterleute melden sollte. Mäßig gerne ließ ich Bianca zur Tür herein und hieß auch ihren schwitzenden Schatten (den Regisseur) willkommen. Da die Zeit jenes Abends raschverstrichen war, die Abfahrt des letzten Zuges nach Wien nahte, wies ich meine beiden ungleichen Besucher auf deren fällige Heimkehr hin. Widerwillig hievte der geile Theater-Clown seine unansehnliche Fülle durch die Pforte meiner Wohnung. Kaum war jener außerhalb der Gefahr, eines seiner fetten Beine zwischen Türblatt und -stock eingeklemmt zu wissen, schlug die zu meiner Linken im Vorzimmer verweilende Bianca dem Starregisseur das Türblatt vor die Stirn: „Er geht, ich bleibe, mein Süßer. Gestern war Ostern, heute kümmern wir uns um Deine Eier.“ Wie mir schien, inszenierte das Fräulein Schauspielerin eben ein unmoralisches Stück mit ungewissem Finale. Da ich meiner Eigenschaft als lustiger Wandersmann stets an der Erforschung unergründeter Klüfte interessiert war, mochte ich auch an diesem Abend meiner Entdecker-Bestimmung nachgeben.

Bianca blieb – und belegte sofort das Badezimmer. Eben hatte ich mich im Gästebad frisch gemacht, um nach vorangegangener Zuweisung der Schlafstätte mein eigen Bett aufzusuchen, als Bianca feierlich aus dem gleißenden Licht des entschlossen geöffneten Waschraums hervor trat, um sich – mit Ausnahme der Kopfbehaarung – vollständig rasiert zu präsentieren. Unaufgefordert schritt sie auf mein Bett zu, versicherte die täglich wiederkehrende Notwendigkeit ihrer buddhistischen Glaubenspraxis und legte sich, ihre Beine die Seitenwand hoch streckend, rücklings neben mich. War der Anblick des grunzenden Bühnen-Witzbolds zuvor eine Plage, erschien mir das Gleichmaß dieses Frauenkörpers umso ansprechender. Die sonst – so deren Erzählung – über Stunden dauernden Übungen der Schönen hatten nach drei Minuten ein Ende und Bianca fasste sich den mit Schweinefleisch großgezogenen Burschen, um sich dessen Dolch just lustvoll einzuverleiben. Aber: Die schauerlich Tätowierte hatte nicht mit den Hinderlichkeiten anatomischer Inkompatibilität gerechnet. Kurz: Der Koitus war unmöglich. Freundlich küsste ich der Wilden Brüste und Wange, wünschte eine gesegnete Nachtruhe und entschlief zum Zorne des kochenden Luders. Ab jener Stunde mochte Bianca nicht mehr mit mir sprechen. Am jungen Morgen des nächsten Tages entschlich sie meinem Appartement, begleitete mich – wie der brummende Regisseur auch – noch durch zwei gemeinsame Theaterabende und ward hernach niemals mehr gesehen.

Die genannten szenischen Lesungen waren erfolgreich verlaufen, das Interesse anderer Theatermacher rückte nahe. Auf meine Bewerbung hin erhielt ich am heutigen Gloria Theater in Wien zwei Engagements, welche mich sechsmal die Woche den Beruf des Bühnendarstellers ausüben ließen. Da der enorme Aufwand zur Inszenierung der Boulevard-Komödien “Minister gesucht“ und “Der Meisterboxer“ auch die Präsenz eines nicht unbeträchtlichen Ensembles nötig machte, erhielt ich – je nach Verfügbarkeit – täglich wechselnd Bühnenkolleginnen. Diese schönen Frauen durfte/musste ich sodann in Ausübung meiner darstellerischen Tätigkeit wiederkehrend und mehrmals küssen. Martina (eine “meiner“ Schmusedamen) war eine großgewachsene und anmutig schlanke Jungsche, welche von recht wankelmütiger Persönlichkeit schien. Nebst ihrer Position als Schauspielerin hatte sie den Part der Regieassistentin inne. Eines Abends, eben hatte ich die zweite Besetzung geküsst, rief mein Kollege Gerald in seiner Rolle als “Marmeladenfabrikant Friedrich Breitenbach“ einer imaginären Person hinter der Bühne zu. Exakt in jenem Moment lüftete die an diesem Abend als Regieassistentin werkende Martina ihre Bluse und zog blank. Der für das Publikum unsichtbare, für den Hauptdarsteller wünschenswerte Busen der jungen Assistentin verblüffte den Routinier so sehr, dass das Stück zum Gaudium der Besucher für Minuten unterbrochen werden musste. Der eine Vorstellungsabend war nun gänzlich in die erfreuliche Lächerlichkeit entwachsen und wurde ob der spontan gewählten Struktur zum größten Erfolg. Nun ergab sich für die kommenden Vorstellungen ein gewisses Maß an Repetition, welches mein Kollegium offenbar zu allerhand Freizügigkeiten animierte. Täglich wurden jenseits des Herrenabteils der Garderobe nackte Busen präsentiert, unbekleidete Gesäße gezeigt und eine gewisse Vulgarität angewandt, welche gewiss die Grundlage für die bekannten sexuellen Ausschweifungen des Theatervolks waren. So verkehrte der Theaterbetreiber mit der Administratorin, schlief der zweite Hauptdarsteller mit einer Tänzerin und masturbierte die Kassierin den Regisseur. Wer hier wessen “Zepter“ in Händen hielt, war mir rasch entgangen und meine Zeit am Theater somit vorbei. Aus dem Ideal des Schauspielerberufs erwuchs die Erkenntnis zur bestehenden “Theater-Hurerei“. Die dauerhafte Nähe zum mitunter schamlos orgasmierenden Publikum trieb mich zudem fort.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten