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Health - History - Religion - Februar 11, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 14

Mit gesteigertem Bewusstsein für den dankenswerten Umstand der Existenz meiner Geschwister dachte ich in den Tagen und Wochen nach dem Verlust meiner Cousine Romana über Sein und Schaffen meiner Brüder und der einen Schwester nach. Ob seiner Beständigkeit wurde mein Bruder Horst, welchen ich von ganzem Herzen liebe, mein Vorbild an Fleiß, Vorsatz und Zielführung. Bis heute ist er ein genialer Denker und gewiss die Geradlinigkeit in Person. Mein Bruder Günther war mir Vorreiter für den Eintritt in das freie Liebesleben des Jungmannes. Er war ein Schönling mit beeindruckendem Witz, zudem begnadet meisterlicher Koch und cleverer Gastronom mit auffälligem Erfolg bei den Amazonen unserer Heimat. Meine Schwester habe ich in Gedanken stets geheiligt. Dieses Abbild an Zuverlässigkeit und Güte möge an Frohsinn und Gesundheit niemals hungern müssen.

Kurz blieb ich nach der Scheidung meiner Eltern noch bei meiner Mutter wohnen und entwickelte eine schädliche Resistenz gegen Altersweisheiten und Lebenserfahrungen. Bedauerlicher Weise geriet ich gerade mit jener Frau aneinander, welche im Interesse ihrer vier Kinder extern Toiletten geputzt, Geschirr gespült, Wäsche gebügelt und zur Freude vieler Pullover gestrickt sowie Bettwäsche genäht hatte. Es war mir, als würden Mutter und ich deshalb Spannungen gegeneinander entwickeln, weil der wahre Empfänger massiver Kritik (mein Vater nämlich) nicht zugegen war.

Da ich nach einem von klirrender Kälte begleiteten Faschingsumzug in Petzenkirchen Kerstin (Freundin meiner Nachbarin Renate) kennen gelernt hatte, dauerte es nach Klarstellung der Umstände wenige Monate, bis wir uns die passend frei gewordene Wohnung deren Tante teilten. Das Zusammenleben mit Kerstin war über vier der viereinhalb Jahre streitlos, unkompliziert und schön. Selbst lebensweise Orientierungen, wie Musik, Speisen, Reisen, Kunst und Bildung waren harmonisch. Ich denke, dass die Zeit mit Kerstin wohl nächst am Zustand der Normalität stand. Alles war gut.

Eines Morgens wurde ich wach, sah die hoch liegende Bewölkung gemächlich ziehen, ging unbekleidet und unter den fragenden Blicken meiner Bettnachbarin an das Telefon, legte meine warme Hand auf den Hörer und hielt inne. „Was machst Du, Tom?“ fragte mich Kerstin. „Geduld, es wird gleich läuten.“ sagte ich. Kaum war mein Satz zu Ende, erklang der Rufton des Telefons. Ich begrüßte meine Mutter mit den Worten „Jetzt ist es soweit, Mutter. Sprich. Sage mir bitte, was ich bereits weiß.“ Meine Mutter wartete zu, holte hörbar Luft und sprach: „Tom, Vater ist tot. Christian hat ihn im Fischteich gefunden.“ Ich sprach: „Ja, ich weiß. Es ist vollbracht.“ Beiden trugen wir uns Anerkennung zu und beendeten das Telefonat.

Kurzfristig organisierte mein Bruder Horst unter Zutun meiner Tante Erika und Großmutter Maria die Beerdigung unseres Vaters. Vertreter aus Kirche, Kameradschaft, Sportverein, Bundesbahn und Fischereiverband fanden sich willig ein, dem Freund, Kollegen und Mitglied den finalen Gruß zu stiften. Wie mir schien, waren vierhundert Personen angetreten, um im Rahmen eines gespenstischen Auflaufes von Uniformträgern, Kameraden und Fahnentreuen Salutschüsse aus einer Kanone, welche aus der Zeit vor der neuen, Nazi-freien Epoche meines Fühlens stammte, abzufeuern. Meine Nachbarn kondolierten, ich lächelte sie an und sprach: „Danke für die gute Absicht, doch ich leide nicht.“ In Wahrheit hatte ich die schlimmsten Schuldgefühle, da ich es bereits in jungen Jahren nicht schaffte, diesen einen, geliebten Menschen vor den trickreichen Abgründen des Teufels zu retten. Keine Träne floss, kein Ansatz von Weinen. Vater, mein einziger Held, hatte es (das Weinen) mir aberzogen. Was ich verspürte, war der schlimmste Schmerz, der einem jungen Mann, welcher ich war, zuzumuten ist. In jenen Minuten wäre es mir lieber gewesen, er hätte mich geschlagen, getreten, bespuckt und verbrannt, als dass ich ihn in der Grube hätte verschwinden lassen wollen. Man reichte mir die Schaufel zum Wurf des Sandes, welchen jeder Hinterbliebene zum Abschied hätte geben sollen. Ich lehnte ab und nahm mit bloßen Händen die Erde aus dem Haufen der Grube, roch daran, küsste sie und warf sie ihm hinterher. In diesen Minuten erinnerte ich mich an den Geruch jener Erde, welche er in seinen beeindruckendsten Fußballer Jahren im Sprint aufwirbeln ließ. Das Vibrieren des Bodens unter seinem Stampfen und Trippeln war mir die erste wohl komponierte Musik, die mir naturnah an die Ohren drang. Der nicht enden wollende Jubel nach seinen geglückten Torschüssen troff und floss schauerlich über meinen Körper. So konnte ich nicht anders, als zu werden, wie er war.

Meine Beziehung zu Kerstin nahm einen massiven Ruck hin und wurde zunehmend extrem. Anstelle zweimal täglich mit ihr zu schlafen, drängte ich sie zu fünf bis zehn dieser beinahe schon sportlich-sexuellen Begegnungen. Mit meinem langjährigen besten Freund Kurt bestieg ich den nahe gelegenen Ötscher nicht, ich lief hoch und wieder runter. Der Verlust von mindestens vier Kilogramm Körpergewicht war mir wichtig. Wöchentlich trainierte ich 40 Stunden Bad Minton, Tennis, Schwimmen und fuhr über 150 Kilometer mit dem Fahrrad – täglich. Jedes (sportlich) beinahe selbst zerstörerische Extrem war mir gut. Wohl rauchte ich nie, konsumierte niemals Alkohol und betrog meine Gefährtin keineswegs, doch war ich mir gänzlich zu minder. Also war ich mein eigener Drill-Trainer, Befehlshaber und Despot.

Da mir diese sonderbaren Auswüchse zu bunt wurden, machte ich mir – bisweilen auch nächtens – Gedanken über mein Sein, mein Werden und meine Liebesfähigkeit. Sodann stellte ich mir erneut die Frage, was sie ausmacht, die Kunst zu lieben. Meine Erkenntnisse und Philosophien sagten mir, dass jene der bloßen Mechanik auf dem Weg zum kurzfristigen Vergnügen gewiss nicht entspricht. Lieben musste das unendliche Geben sein – ohne Erwartung von Gegenliebe. Schien hart, doch sollte dies – so war mir klar – Bestand einer unverrückbaren Tatsache sein. Die Kunst nun, die wahre Kunst der Liebe, sei groß und gut.

Kurz entschlossen trennte ich mich von Kerstin, ließ sie fallen, stehen und leiden, um die absolute Distanz zu Petzenkichen, Wieselburg und dem von schmerzlichen Erinnerungen belegten Umfeld zu nehmen. So zog ich nach St. Pölten, nahm zwei weitere Jobs an und gab mich dem weltlichen Lernen hin. Es war mir, als müsste man erst gut werden, um es zu sein. Da ich bis dato mit offensichtlich dummen Menschen nichts zu tun haben wollte, versuchte ich von nun an selbst die Unlogik der Dummheit zu verstehen. Mir wurde bewusst, dass die Unkenntnis des Ziels auch die Nutzung des Weges unmöglich machte. So beklebte ich die Wände meiner neuen Wohnung mit verbalisierten Ideen, Aphorismen, Erkenntnissen und Zielsetzungen. Auch lernte ich gänzlich anders gewachsene und durchaus gebildete Stadtmenschen kennen.

Im Verlauf eines Aufnahmetests beim Magistrat Wien traf ich dann sie – die Eine, die Schöne: Claudia. Deren nie zuvor wahrgenommenes Ausmaß an Liebreiz und Wohlgeruch ließ mich staunen. Wir siezten uns respektvoll und vereinbarten ein erstes Treffen für die Zeit nach dem Einstellungsgespräch. Claudia hatte derart gute Manieren, dass ich in jenem italienischen Restaurant mit allen Sinnen speiste. Die von uns genüsslich konsumierten “Spaghetti alla Carbonara“ mundeten vorzüglich, jedes Lächeln dieser weißen Amazone war mir rühmliche Ergänzung der köstlichen Speise. Selbst zum Ende unseres ersten Rendezvous musste ich Claudia höflich bitten, doch die gesamte Zeche übernehmen und somit erneut die Einladung aussprechen zu dürfen. Sie war ein Schatz. Ich selbst war zu blöde, um diesen zu halten. Ihre Jugend und die folgliche Wildheit meiner späteren Verlobten überforderten mich gänzlich. Nach nur neun Monaten täglicher Lust- und Liebesstürme war diese Beziehung verloren.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten