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Health - History - Religion - Februar 11, 2024

Buch ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – Kapitel 13

Auf meine Erwägungen folgte ein in der Tat grenzwertiges Erlebnis: Renate, die hübsche Nachbarin, Schwester meines bis dorthin besten und brüderlichen Freundes Kurt, lud mich zu einer Radtour nach Wieselburg ein. Wild entschlossen nahm sie einen extra Vorrat an Würfelzucker mit. Dies, wie ich richtig erkannt hatte, um mich auf einem der vielen Umwege, welche zu fahren sie beschlossen hatte, zum Küssen zu verführen. Zur ersten Lippenberührung überhaupt kam es auf dem Schotterweg neben dem Bahndamm. Noch am gleichen Abend fuhren wir zum nahe gelegenen Waldteich, um uns dem sinnlichen Bad im warmen Schichtwasser hin zu geben. An den Zehen knabberten eifrig kleine Fische und an meinen Hüften fühlte ich die zarten Hände dieser jungfräulichen Nixe. Offenkundig konnten wir beide nicht erwarten, uns unter dem Vorwand purer Rücksicht die nassen Sommerkleider abzustreifen. Aus Nächstenliebe trockneten wir uns gegenseitig ab und nahmen gierig Anschau vom Geschlecht des Anderen. So erhielt ich zahlreich wundervolle Sichten dieser erregend transparent-weissen Haut, fein geäderter und rosiger Brustwarzen. Eine Augenweide. Gerne hätte ich sie geliebt, doch mein Herz gehörte in Freundschaft Sabine. Was ich – wie so vieles – nicht wusste, war der Umstand, dass ich von nun an bis zu meinem 18. Lebensjahr warten würde, um sodann mit Kerstin deren Jungfräulichkeit zu teilen.

Am nächsten Tag fuhr ich mit meinen Freunden Herwig, Kurt und Thomas (jenem aus der Bahnsiedlung) gemeinsam nach St. Pölten. Die ersehnte Bahnfahrt war begleitet von Gesang, Witz und Unbeschwertheit. Als wir nun das Bahnhofsgebäude rückseitig verlassen hatten, erstarrten wir im Kollektiv: Eine Horde von etwa 150 Jung-NAZIS hatte sich zur illegalen Demonstration am Vorplatz versammelt. Die bloße Ankündigung des Eintreffens jener Individuen war den Sicherheitskräften offenbar Anlass genug, den gesamten Bahnhofsplatz abzuriegeln. Barrieren wurden aufgestellt, Anweisungen über Lautsprecher gebrüllt und Proklamationen per Handzettel verteilt. Kettenhunde wurden an die unliebsame Schar heran geführt. Indem man Zäune und Wälle verengte, zwang man diese wirren Zeitgenossen, über einen schmalen Pfad den Lauf zum Bahnsteig zu nehmen und drängte diese dann final in den nächsten Expresszug nach Salzburg. Das Faschismus-Problem wurde so wohl nicht gelöst, doch zumindest in den mittleren Westen Österreichs verfrachtet – in die Stadt der Reichen und Schönen nämlich.

Für meine drei Freunde und mich schien ein derartiges Ereignis (der genannte Aufmarsch also) keineswegs alltäglich, doch nicht ungelegen. Angestrengt und eifrig starteten wir politische Diskussionen, ließen uns konstruktiv über die aktuelle österreichische Regierung aus und verschlangen sodann – kichernd auf Parkbänken sitzend – mindestens zwei Dutzend grober Fleischwürste, fünfundzwanzig frische Semmeln (weiße Brötchen) und tranken genüsslich unsere Buttermilch sowie Trinkjoghurt-Desserts leer. Einstimmig erklärten wir unser Niederösterreich zum schönsten Areal der Welt, ließen längst verstorbene österreichische Musiker der Klassik wie der Moderne hoch leben und verzehrten uns nach den verhüllten Rundungen vorbei ziehender Damen. Es schien nun die schönste Zeit der nahenden Volljährigkeit zu reifen. Aufgrund der Knappheit aller Burschen Budget blieb es beim bloßen Schauen und Staunen. Allesamt waren wir zu Sparsamkeit und Abstinenz erzogen, kauften also nicht, sondern gaben uns mit dem Wissen um den Bestand der Dinge zufrieden.

Auch die Rückfahrt nach Petzenkirchen war getragen von froher Stimmung, Anstand und Humor. Auf den lichten Samstag in brüderlicher Freundschaft folgte der eine, emotional gänzlich unerklärliche Sonntag: Nach meiner Rückkehr aus dem katholischen Gottesdienst empfing mich meine Mutter an der Tür des Wohnhauses, hielt inne und starrte mich schweigend an. Der breite Strom an Tränen, welcher ihre Augen beständig verließ, machte mich bangen. „Tom, Romana und Rainer sind tot.“ In der Sekunde der Wahrnehmung nahm ich am Ort meines gegenwärtigen Aufenthalts Platz. Ich setzte mich auf den Boden und schwieg. In den Minuten des teilweisen Sinnens sah ich meine süße Cousine, sich lachend den Bauch haltend: „Tom, Du bist ein Schlingel, mit Dir kann man sich tot lachen.“ Ihr letzter Besuch bei uns war reich an Freudentränen und schallendem Gelächter über Witze, Possen und Schwänke.

Romana war eine gütige, schöne und friedliebende Frau sehr jungen Alters. Als knapp Zwanzigjährige wurde sie mit dem überaus sympathischen Rainer vermählt und trug kürzlich nochein Kind in früher Entwicklung unter ihrem Herzen. Der volltrunkene Polizist, welcher in Eigensinn und Planlosigkeit die Bundesstraße querte, raubte somit drei unsäglich liebenswürdigen Persönlichkeiten ihr Leben. Die durch den staatlichen Dienstgeber ausgesprochene Suspendierung des Unfalltäters sollte drei Wochen andauern, die angeordnete Geldstrafe war symbolischen Charakters. Wie ich später vergleichend vorgetragen bekam, war es dem österreichischen Gesetzgeber tragischer, eine Forelle aus der nahe gelegenen kleinen Erlauf (dem hinter dem Haus meines Großvaters verlaufenden Fluss) entwendet zu bekommen, als die Tötung einer jungen Familie aus unserer Sippe zu ahnden.

Das Wiedersehen mit meiner Tante Poldi (der leidenden Mutter meiner Cousine), meinem Onkel Otto (dem leiblichen Vater, Groß- und Schwiegervater der Unfallopfer) und meinem sonst so drolligen Cousin Otto (Bruder von Romana) war tränenreich und ungewiss. Es schien mir, als wäre den zahlreichen Anwesenden jeglicher Sinn entlaufen. Das Verweilen in der Kirche war schaurig. Schmerzvoll hämmerte das ohrenbetäubende Schlagen der Turmglocken in die Köpfe, undefiniert lächelnd starrten Cousin Otto und ich uns an. Im Minutentakt wiederkehrendes Weinen und unverständlicher Weise aufkommendes Grinsen lähmten unsere Gesichter. Die totale Traumatisierung zweier Jugendlicher nahm in dieser Gedächtniskirche unbeachtet ihren Lauf. Jene Hilflosigkeit einer Versammlung von Kindern, derer Eltern und Alter ließ die Menschen in den Sitzreihen der kalten Kirche innig sein. Wie unter Lemmingen und in deren Bedürfnis nach Schutz sowie auf der Suche nach Nächstenliebe wurde aus der Zusammenrottung vieler Trauender ein wärmendes Fleisch und ein pulsierendes Blut in Andacht, liebevollen Erinnerungen und christlichen Segnungen. Den Rest dieser Verabschiedung durfte ich – wie sonst kaum ein Ereignis in meinem Leben – vergessen.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten