myfather.blog

Wenige Sekunden ...

Health - History - Religion - Februar 6, 2024

BUCH ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – KAPITEL 09

Die Vielzahl derartiger Vorkommnisse war natürlich über das Ausmaß des Erträglichen gewachsen. Nach eiliger Absprache mit meinem lieben Großvater Otto H. und der Einbindung des Nachbarehepaares wurden schon am nächsten Morgen die geringen Habseligkeiten gepackt und so fuhr uns Herr P. mit seinem Kleinbus in das nur neun Kilometer entfernte Zarnsdorf, wo meine drei Geschwister, meine Mutter und meine Geringfügigkeit Unterschlupf finden sollten. Was mein Vater nach der Ahnungslosigkeit seines Säufertages im Hause der Familie in Petzenkirchen vorfinden sollte, war gänzliche Leere. Keine kindlichen Spaßvögel, nicht die gelegentlich am Boden liegenden (weil in geringer Anzahl vorhandenen) Bausteine, kein saftiger Braten auf dem Herd und nicht die eine N**** vor der Zimmertür, als die das verhasste Weib stets verkannt wurde.

Wenn Du Dir bitte vorstellst, geliebte Honigmaus, wie kaiserlich dieser im Kern begabte Mensch (mein Vater also) existiert hatte: Täglich von Kinder- oder Frauenhand geputzte Schuhe, wiederkehrend gereinigte und eigens angelegte Armbanduhren, stets gebügelte Arbeitshemden, ebenso geplättete Diensthosen, bestens und mit köstlichen Speisen gefüllte Brotbeutel, dauerhaft und zuverlässig gesäuberte Räumlichkeiten, wohlerzogene und durchaus geratene Kinder, die Treue, den Anstand und den Fleiß in Personalunion an seiner Seite. Aber: Plötzlich alles weg, futsch, vorbei und verloren. Doch: Das Verlieren war meinem Vater nicht vertraut, wie ihm auch das Bitten fremd war.

Über einige Wochen lebten wir nun im Hause meines Großvaters Otto H. und sollten jene Ruhe finden, welche einer Mutter mit ihren jungen Kindern gegönnt sein sollte. Das riesenhafte Kartoffelfeld unweit des großelterlichen Hofes war aufgrund seines Käfer-Befalls über Tage in intensiver Behandlung und so bewegten wir (genauer sechs Kinder und fünf Erwachsene) uns auf Knien durch die Reihen, um von Hand die gestreiften Schädlinge (“leptinotarsa decemlineata“ = “Zehnstreifen-Leichtfuß“ = “Kartoffelkäfer“) in Getränkeflaschen zu stopfen und sie hinterher im offenen Feuer zu vernichten. Phasen- und verständlicher Weise hatte ich in Anbetracht dieser psychedelisch gemusterten Schädlinge – nebst jenen sündigen Gedanken – auch die Erinnerung an den gestreiften Satin Pyjama meines Vaters. Wie witzig.

Lustig platzten die Kartoffelkäfer im Feuer und kichernd strutete ich die fettesten Engerlinge aus den neben dem Acker verbliebenen Baumstrünken, um deren fragwürdige Existenz im geweiteten Rachen einer aufgeregten Bruthenne vergehen zu sehen. Mit jedem sterbenden Parasit schwand ein Stück meiner Trauer um die verloren geglaubte Kindheit. Aus heutiger Sicht, Du meine Honigmaus, waren die Wochen am und im Hause meines Großvaters Otto H. wohl der erste Ausflug in die absolute, eine Freiheit, welche den aufrechten Wuchs eines Kindes gestattet. Mir war gleichlautend egal, dass ich in einem Bett schlief, an dessen Fußende meine Beine vom Knie abwärts am Boden lagen. Es war mir nicht wichtig, dass eben dieses Zimmer eigentlich einer Abstellkammer glich und ich erachtete es keinesfalls als beachtenswert, dass die Wände kahl waren und der Raum unbeheizt sein musste. Die Nächte in eben diesen Wochen waren bereichert um die Perspektive der erwünschten Schlaflosigkeit. So stand ich oftmals – von meinem flauschigen Nachthemd wärmend umhüllt – am illegaler Weise geöffneten Fenster, erspähte schier den gesamten Kosmos, ergötzte mich in der Eigenart des einfache Menschen an der Weite dieses überwältigenden Sternenhimmels und versuchte aus dem Lichtermeer in meinem Kopf auf die Unzahl der Himmelskörper zu schließen. Ebendann dachte ich fernab meines dümmlichen Eigensinns an Sabine, meinen in Petzenkirchen zurück gebliebenen Kater “Blacky“, mein jüngst verstorbenes Entlein “Daisy“, das Hausschwein meines Vaters und an ihn, diesen stinkenden, saufenden, blökenden, dummen Hund, den ich so sehr liebte, da er mein Vater war.

Wenige Tage später sollte meine Grußmutter “Mariza“ (Maria) mit einem offenbar in Gemeinschaftsarbeit (Tante/Großmutter/Vater) verfassten Liebes- und Entschuldigungsschreiben in Zarnsdorf eintreffen. Wir waren eben wieder am Käfer-Sammeln und Oma Maria übergab dieses lächerliche und gänzlich unliterarische Dummwerk an meine Mutter. Wenige Absätze des Lesens reichten, um die “Heidi“ ihres “Horst“ zu Tränen zu rühren und final dazu zu bewegen, ihre Brut und deren bescheidene Habe zu packen, um die Heimfahrt nach Petzenkirchen anzutreten. In schauerlicher Vorahnung auf die kommenden Ereignisse umarmte, küsste und bedauerte mich mein Großvater, um mir zum Abschied jenen sanften Handstreich über mein Haupt zu führen, welchen ich bis zum heutigen Tage im Kern meiner Seele fühle. „Lebe wohl, geliebte Honigmaus.“

Bereits kurz nach der wenig gewollten Rückkehr in unser Elternhaus stellte mein Vater die alten Forderungen auf. In Kumulation benannte er die Themen mit „Fi****, Fressen, Fischen“. Auch meine Mutter hatte die Urform ihrer Moral erhalten und erzielte sodann den einen Willkommensgruß ihres Mannes: „Wenn ich gewusst hätte, dass Du heute so blöde bist, wie einst, wärst Du besser bei diesem buckligen Arschloch (gemeint war mein lieber Großvater) geblieben, Du dumme Sau!“ Es folgte der bekannte Diskurs über “Behandlungsformen“ und gewünschte Züge der Körperlichkeit, wie sie kaum eine Frau erleiden sollte. Binnen Minuten war das wüste Gebrüll derart eskaliert, dass Vater nur die Flucht zu seinen Saufbrüdern antreten mochte. Etwa drei Stunden später bat mich Mutter, meinen “Vati“ aus dem Wirtshaus abzuholen. Bedrückt trat ich den etwa 100 Meter kurzen Pilgermarsch an, um als niedlicher Trottel die partiell vorhandene Gutmütigkeit des Herrn Papa zu erreichen. Kurz nach dem Eintreten und tief in Gedanken sprach ich vor, wurde von meinem bereits peinlich betrunkenen Vater auf den Schoss genommen, um eine fiese Inszenierung mit ansehen zu müssen: “Brandy“, der Hund aus der Dorfschenke, soff – absichtlich in dicken Zigarettenqualm gehüllt – den von den grölenden Zech Kumpanen auf den Boden
gekippten Fusel auf. Wankend und wimmernd übergab sich das bedauernswerte Vieh immer wieder und fraß ebenso wiederkehrend unter dem Jubel dieser Höllenhunde seine eigene Kotze auf. Betroffen von der Wirkung der Abartigkeit zog ich Vater am Zeigefinger der linken Hand und machte ihn so verstehen, dass es an der Zeit sei, den Heimgang zu beginnen. Durchaus willig ließ sich dieser Koloss von einem Mann daran hindern, im perfekten Suff das Moped nach Hause zu quälen. Dieses Fahrzeug schiebend, machte sich der gewaltige Vater unter Anleitung seines winzigen Sohnes auf, um der unerwarteten Nachtruhe entgegen zu latschen.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten