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Health - History - Religion - Februar 5, 2024

BUCH ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – KAPITEL 08

Auch erzählte mir mein Herr Papa von den absonderlichen Erziehungsmaßnahmen seiner Mutter, meiner Großmutter Maria. So musste er nach einem kleinen Streich harte Prügel einstecken und erhielt zur gänzlichen Sühne seiner angeblichen Bösartigkeit den karierter Rock seiner Schwester Erika angezogen, um in eben dieser Kleidung zum Spott aller den nahe gelegenen Dorfbäcker auf zu suchen. Mit nässenden Striemen an den Schultern und in Mädchenkluft erhielt er gewiss das nötige Feingefühl, um im späteren Leben durch Zärtlichkeit und Einsicht überzeugen zu können.

Um nun nach dem morgendlichen Angeln mit meinem Onkel Heinz von meines Vaters Liebe überzeugt zu werden, lud mich dieser auf ein Hecht-Fischen am Pachtteich der Familie ein. Ebenda angekommen (ich durfte sogar auf dem Tank des väterlichen Mopeds sitzend die Fahrt mit bestreiten), planten wir, mit Essensresten und Tierblut die im Uferschilf lauernden Hechte in Fresshitze zu versetzten. Bedauerlicher Weise hatte mein Vater für sich auch noch einen hochprozentigen Trunk mitgebracht und begann laut pupsend und rülpsend seinen Schnaps zu leeren. Bereits etwa eine halbe Stunde nach der blutigen Verlockung der Raubfische schellte der Melder an der Angel hörbar und mein Herr Papa riss kräftig an dieser, um dem fresswütigen Räuber den Haken tief in dessen Maul zu rammen. Unter Prusten und Keuchen sowie dem obligatorischen Grinsen sollte mein Vater – wie auch sonst – aus diesem Drill als Sieger hervor gehen. Der Hecht wurde an Land gehievt und musste ebenda seine Strampelei fortsetzen. Durch den nunmehr
erlangten Stand seines Alkoholpegels war er jedoch unachtsam und geriet mit der linken Hand in das von Widerhaken besetzte Maul des Hechts. Mit einem kräftigen Riss nach rechts zog der 120-Zentimeter-Riese dem Petri-Jünger beinahe vollständig die Haut des linken Daumens ab und öffnete das Fleisch dessen Hand sichtbar bis zum Knochen. Dies sollte jedoch die letzte Zuckung des Raubfisches sein. In übler Maßlosigkeit fasste Herr Papa mit der wild blutenden Pranke in die Kiemen des nautischen Riesen und riss diesem exakt hinter dem Klappen-Paar den mächtigen Schädel vom Leib. Jenen warf er in den von Hechten belebten Schilfgürtel und sorgte so für grässliches Brodeln im Wasser. Die noch lebenden Kollegen des nunmehr geköpften Räubers machten sich wirr über den Kopf des Artgenossen her. Um den Wundschmerz zu lindern und eine Infektion zu verhindern, griff Vati zur bereits geöffneten Vorlaufflasche (“Vorlauf“ = “erstes Destillat in der Schnapsbrennerei“ = etwa 80 VOL% Alkohol), nahm einen kräftigen Schluck und goss merklich von diesem Gesöff auf die blutend-klaffende Wunde. Kein Brummen, nicht der geringste Laut entwich seinem Leib. Mit einem lässigen Augenzwinkern grinste er mich an und sagte: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Ja, er sollte Recht behalten: Physischer Schmerz ist in der Tat relativ. So harmonisch der Tag mit Onkel Heinz begonnen hatte, sollte dieser in völliger Disharmonie mit meinem Vater enden.

Nach der ambulanten Eigenbehandlung seiner Verletzung mochte mein Herr Papa natürlich keineswegs die Ruhe des Spätnachmittags genießen. Eher war ihm wohl nach einem komatösen Saufgelage. Des Gehens kaum mehr fähig, startete der rekonvaleszente Sportfischer sein Moped und raste in Schlangenlinien fort. Der eilends eingeschlagene Weg sollte ihn zur etwa 100 Meter entfernten Dorfschenke führen. Um etwa 23.00 Uhr des gleichen Abends setzten dichter Dunst und schwerer Regen ein. Der durch die Wolkendecke lugende Mond gab dem trüben Nachthimmel eine tiefblaue Färbung und der Duft des Mooses an den Rasenrändern fügte jene Sinnlichkeit hinzu, welche das Szenario vor der Rückkehr der Unruhe unschlüssig komplettierte. In Gedanken war ich Hilfe suchend bei den Sonnenstunden des eben verstrichenen Tages, als ich aus geringer Ferne das Aufheulen des väterlichen Mopeds hörte. Die aufkommende Anspannung hatte noch nicht ihre Höhe erreicht, als auch schon das erste Fluchen des Vaters zu vernehmen war. Merklich war einer der Fensterflügel des anliegenden Kinderzimmers im Wege, weshalb der gute Mann seinem Ärger brüllend Ausdruck verleihen musste. Denn: Beinahe hätte er mit seinem versoffenen Schädel am genannten Holzrahmen just jenes Ende gefunden, welches meinen drei Geschwistern und der gepeinigten Mutter ein unbeschwertes Leben geben hätte können. Aber: Diese Nacht war noch jung – und das Potential an Tobsucht, Argwohn und Destruktivität ebenso hoch. Da der Mann meiner Mutter seinen Haustürschlüssel nicht finden konnte, trat er gegen die Tür des Hintereingangs und schrie zum Ärger der Nachbarn laut den Namen seines Weibes. Ich lief zu eben dieser Tür, öffnete sie und sprang zur Seite, um vom rasenden Vater nicht überrannt zu werden. Das Ziel des Herren war klar: Beschimpfung, Erniedrigung, Vernichtung. Wieder wurde spät nachts zur Thematik, was frühmorgens bereits geschehen war: Meine Mutter hatte meinen Onkel Heinz lediglich gegrüßt und wurde eben deshalb vom Manne als Hure bezeichnet. Der eine Widerspruch der Gattin war zu viel, der Versuch derselbigen, den Streit zu vermeiden, fatal. So nahm der Vater dann einen massiven Eichenholzstuhl, demonstrierte physische Kraft, indem er ebendiesen am Bein und in der vom Hecht zerbissenen Faust nach oben stemmte, schritt auf seine Frau zu und zerschlug das schwere Möbel auf dem Rücken der Gepeinigten. Schmerzerfüllt brach sie unter der Last von Verspottung, Spucke und Schmach zusammen, kam vor mir am Boden zu liegen und erwartete geduldig die Tritte des Vaters ihrer Nachkommenschaft. Blind vor Mitgefühl sprang ich an die Wade des Vaters, krallte und biss mich fest, um blöde, wie hilflos schreiend, an den unteren Gliedmaßen des Täters hin und her zu schwingen. Niemals zuvor und keineswegs hernach habe ich eine derart effiziente und nachhaltige Unterwerfung im Reich der Menschen erlebt. Da Vater nun nicht mehr treten konnte, weil ich ihm ausreichend Last am Fuße war, gelang es meiner Mutter, die Flucht aus dem Haus zu schaffen. Erstaunlicher Weise begnügte sich unser aller Senior für einige Minuten damit, sich von dieser nicht geringen körperlichen, beinahe schon sportlichen Anstrengung keuchend zu erholen. Auch mir war nun zum Abgang zumute und so machte ich mich auf den Weg in den Garten. Meine Mutter hatte ich nun am Rasen eingeholt und gemeinsam verkrochen wir uns unter der vom schweren Regen triefenden Blaufichte meines Onkels. Und wieder kam mir das Paradoxon einer Situation in den Sinn: Exakt diese Blaufichte stand im Vorjahr noch als “lebender Weihnachtsbaum“ im Schlafzimmer meiner Tante Erika. Just unter jenen Ästen, unter welchen mein Stoffhund “Seffi“ mir als Geschenk entgegen lugte, musste ich nun Schutz finden vor jenem Vater, der meiner sein sollte. Da lagen und zitterten wir nun: Nass, vor hitziger Aufregung dampfend und schweigend. Denn die Nacht mit ihren Düften, dem rhythmischen Fall der Traufe und der Hoffnung auf einen weiteren, sonnigen Morgen war unschuldig und schön. Mit dem im Mondlicht schimmernden Küchenmesser in der Hand kam mein eigentlich geliebter Vater uns entgegen. Wie wahnsinnig murmelnd, suchend und irrend schlich er durch den Garten und wollte uns nicht finden. Denn die schier grenzenlose Verachtung für seine Frau hatte an der Liebe seines jüngsten Sohnes die Meisterlichkeit gefunden und musste zu dieser Stunde an eben jener scheitern.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten