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Health - History - Religion - Februar 4, 2024

BUCH ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – KAPITEL 07

Es war 04.30 Uhr morgens und ich koste – auf einem Holzhocker sitzend – mein kleines Stockenten-Küken “Daisy“, welches mein Vater mir an einem seiner gütigen Tage geschenkt hatte. Das liebliche Fiepen jenes Entleins erfüllte mein Herz mit beinahe väterlicher Liebe für dieses kleine “Bällchen auf zwei Beinen“. „Guten Morgen, Thomasine, wie haben wir es heute?“ Freudig sprang ich – mein Entenkind nun im T-Shirt wärmend – auf Onkel Heinz zu, welchen an diesem Morgen zu sehen ich so sehr hoffte. „Danke, Onkel Heinz, mir geht es gut. Vati war gestern früh zu Hause und hatte davor kaum getrunken. Es war ruhig.“ So sprach mein Onkel Heinz: „Naja, Honigmaus, die Verwandtschaft kann man sich eben nicht aussuchen. Und für seinen Vater kann man erst recht nichts. Ich habe über Deine Erzählung aus der Schule nachgedacht, Honigmaus. Höre nicht auf die Mitschüler die Dich verspotten, weil Dein Vater säuft. Lass die Strohschädel reden.“ Und: „Weißt Du was, Honigmaus, wenn Du möchtest, kannst Du mir helfen. Erst holen wir mit dem Zweiräder Pferdemist aus meiner Koppel und bringen diesen an unseren Gemüsegarten und dann, mein Lieber, fahren wir gemeinsam zur Erlauf Mündung, um einige Forellen zu fangen. Wäre das für Dich fein?“ Wirklich gerne hätte ich ohne Überlegung zugestimmt, doch schliefen ja meine Eltern noch und so konnte ich auch nicht um Erlaubnis fragen. Da ich den Schlaf meiner Mutter und des gänzlich unberechenbaren Vaters nicht stören wollte, ging ich mit Onkel Heinz los und fuhr hernach mit ihm zum Angeln. „Honigmaus, wenn Deine Mutter schimpft, dann werde ich das für Dich lösen. Keine Sorge, ich übernehme natürlich die Verantwortung“. Onkel Heinz hatte mich also schon vorab vor den gelegentlich ausfälligen Zurechtweisungen meiner Mutter geschützt. Meine Baby-Ente “Daisy“ durfte zwischenzeitlich wieder unter dem warmen Gefieder einer friedlichen Bruthenne ruhen, doch den Abend dieses jungen Tages sollte mein süßes Flaum Küken nicht mehr erleben.

Es war noch kühl an der Flussmündung und mein stets fürsorglicher Onkel umhüllte mich kommentarlos mit seinem riesigen Pullover. Sofort war ich gewärmt und Onkel Heinz bereitete nun die Angelruten zum Fliegenfischen vor. Als die erste Angel fertig war, übergab er mir diese – begleitet von einigen Instruktionen die Bedienung betreffend – und sprach: „Um den künstlichen Köder ganz weit von Dir zu werfen, musst Du die Angel kopfüber hinter Dich führen und danach die Spitze nach vorne schleudern. Ganz einfach.“ Was Onkel Heinz leider nicht gebracht hatte, war der Hinweis auf eine weitere Minute Geduld. Denn immer noch hatte er das Federbüschel und den Widerhaken zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich bewegte also die Rute mit der Spitze voran hinter mich und ließ diese mit voller Kraft nach vorne schnellen. Ein kurzer Aufschrei und Onkel Heinz raunte: „Oh, Bub, das war jetzt gar nicht gut. Schande noch einmal, jetzt habe ich den Haken im Daumen. Nein, das war wirklich nicht gut.“ Ohne weitere Schimpfe und unter verständigen, doch schmerzerfüllten Blicken, nahm Onkel Heinz seine Spitzzange aus dem Anglerkoffer, kniff den durch den Daumen ragenden Haken entzwei und zog den verbleibenden Rest des Metalls aus seinem Finger. Blut strömte reichlich in den Ärmel des schlammfarbenen Hemdes und Onkel Heinz trat einige Schritte zurück. Lachend sagte er: „So, Thomasine, den gleichen Spaß nun noch einmal, jedoch mit dem Unterschied, dass Du diesmal Deinen Lieblingsonkel nicht mehr an den Haken nimmst. Claro?“ Onkel Heinz zum Trost und mir zur Freude war der Köder kaum im Wasser, als auch schon die erste Bachforelle am Haken hing. Dieser Erfolg sollte sich noch sechsmal wiederholen und so brachen wir nach einigen Stunden auf, um unseren Fang nach Hause zu bringen. Da wir die Übersetzung der Bahnstation in Petzenkirchen gequert hatten, fiel mir der trügerisch lila bis grau bedeckte Himmel auf. Diese Wind-lose Stille hatte etwas Unheilvolles in ihrer bemerkenswerten Schönheit.

Als mein Onkel Heinz nun seinen Wagen in der Hauseinfahrt beinahe angehalten hatte, sprang ich aus dem sich noch regenden Fahrzeug und rannte – von schmerzlicher Liebe für mein kleines Entlein ergriffen – durch den Garten, passierte die Gemüsebeete, eilte die Betonstufen zu den Federvieh Gehegen hoch und hörte aus dem Bruthennen-Stall lautes Gackern nebst Gurgeln. Als ich die Tür zum Hennen-Haus aufgerissen hatte, sah ich meine kleine, um Hilfe fiepende Daisy mit dem Kopf in den Drahtmaschen des Truthahn-Kobels stecken und mit den zarten Beinchen strampeln. Mit Fäusten schlug ich nun, vom Leid meiner kleinen Ente erfüllt, auf die blutrünstige Truthenne ein, erhielt wilde Schnabelhiebe des kräftigen Tieres als Antwort und befreite meinen glücklosen Liebling aus der tödlichen Umklammerung des Drahtes. Um – so meine bestehende Hoffnung – dem blutigen und mich jammernd anflehenden Entlein das Leben zu bewahren, zog ich mich weinend unter die Blaufichte meines Onkels zurück, küsste, streichelte und wärmte Daisy. All meine Liebe sollte diesem kleinen Tierchen gehören. Über Stunden dauerte der Todeskampf meines Fläumchens, bis – etwa zeitnah zum Sonnenuntergang
– das winzige Herz meiner kleinen Freundin seinen Dienst verweigerte. Daisy war auf meinem nackten Bauch verstorben. Mit dem bitter-süßen Lächeln des dankbar Liebenden auf den Lippen pflückte ich Gänseblümchen, Taubnesseln und Erdbeerblüten, um meiner engsten Vertrauten das letzte Geleit zu geben. Direkt am Türpfosten des Hintereinganges schlug ich in stillem Zorn mit dem Hammer ein Loch in die Betonplatte, bettete Daisy auf frischem Moos, bedeckte Sie mit den duftigen Blüten und begrub sie schließlich unter Schutt und Staub. Was ich wollte, war nicht Rache, ich bat um Gerechtigkeit. Traurig und voller Scheu näherte ich mich meinem nun schon wachen Vater, erzählte ihm, dass die Truthenne meine Daisy zu Tode gepickt hat und sah ihn hernach nur mehr marschieren: Im Stechschritt nahm er eine am Gehege liegende Axt, zog unter lautem Fluchen und dem wüsten Gebrüll der Truthenne ebendiese aus ihrem Stall: Was ich noch hörte, war der harte Einschlag der Axt auf dem Hackstock, welcher zuvor wohl als Sitzgelegenheit für die Vögel dienen sollte. Ab war der Hals des mörderischen Federviehs und vorbereitet der nächste Truthahn-Schmaus. Mit Tränen in jenen von Wut geröteten Augen nahm mein Vater mich mit seinen riesigen Händen auf dessen Schoß, küsste mich auf den Nacken und sprach: „Bub, als ich sieben war, fraß eines unserer Hausschweine mein kleines Ferkel – sein eigenes Kind. Meine Mutter schlachtete die Sau noch in der gleichen Minute. Denn ein Tier, das sein eigen Fleisch und Blut ächtet, ist wie der Mensch: Unberechenbar und missverständlich.“ Ich war erstaunt über jene Weisheit aus dem Munde meines Vaters, welcher sonst so unschöne Phrasen preis gab. In den Sekunden seiner berührenden Erzählung wünschte ich, er hätte mich stets so geachtet, wie sein kleines Hausschwein. Und in der Stunde des kollektiven Leidens öffnete sich mein Vater das erste und einzige Mal und erzählte mir aus seiner Kindheit.

So ließ er mich wissen, dass er im Jahre 1945, also kurz nach Beendigung der Kampfhandlungen in Österreich, von einem US-Soldaten just an jener Stelle mit Schokolade gefüttert wurde, an welcher ich kürzlich noch auf der Suche nach dem Osterhasen war. Es war dies der Waldrand an den beiden Teichen, welche üppig von Sumpfdotterblumen umrandet lagen. Der saftige, beinahe schon fette Boden gab vielzählige Arten aus der Pflanzenwelt frei und war Fröschen, Kröten, Molchen sowie der Blindschleiche und der Ringelnatter Heimat. Was mein Vater nicht wusste: Nur etwa neun Jahre später würde er dort sein Ende durch Herzstillstand in den kalten Schmelzwasserfluten finden.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten