myfather.blog

Wenige Sekunden ...

Health - History - Religion - Februar 4, 2024

Buch ‚GELIEBTE HONIGMAUS‘ – Kapitel 06

Mein Leben hatte sich geneigt. Die Willkür meiner Existenz war nunmehr von den lieblichen und mitunter geheimnisvollen Blicken jener Amazonen bestimmt, welche zunehmend auch Protagonistinnen meiner süßen Träume sein sollten. Der rege Wechsel der in meiner Seele existierenden Traumkulturen erweiterte mein Sein um mindestens zwei emotionale Größen. So schien es mir, als könnte ich die Gedanken jener von Herzen geliebten Mädchen riechen. Im Wachstum meines kindlichen Bewusstseins erfolgte gleichlautend die Erweiterung meines Handlungsspektrums auf die Facette der männlichen Kühnheit – und somit die gänzlich missverständliche Entwicklung eines fatalen und selbstlosen Beziehungsansatzes. Bereits im zarten Alter von sieben war mir das in Aussicht gestellte beziehungsweise Scheitern nahe und ich selbst war mir im Sinne einer Lebensphilosophie fragwürdiger Qualität egal. Ja, das Geben wurde zur – und ist bis heute meine – Passion. Als dauerhaft sprudelnder Quell liebevoller Gedanken, lieblicher Blicke und von Liebe initiierter Berührungen erwies ich mich für jede meiner künftigen Frauen als pur praktisch. Der “Mann aus dem niederösterreichischen Voralpenland“ und designierte Ausländer sollte ob seiner bedingungslosen Treue bluten, kriechen und jenen Speichel lecken, welchen das jeweilige Weibchen – anstelle durch innige Küsse heiß zu übertragen -, dem “Lebensabschnittstom“ achtlos vor die nackten Füße spuckte. Was ich in der augenblicklichen Zukunft lernte, war die Faust des Schlägers und die Füße der jeweils personifizierten Liebelei zu küssen. So sollte ich also die ersten Jahre meines Lebens durchlieben.

Die braunen Fluten der Hochwasser führenden Erlauf (Fluss, welcher in den niederösterreichischen Ötschergräben entspringt) ergossen sich seit Tagen in die angrenzenden Felder, Wiesen und Wege. Meine Freunde Kurt und Herwig waren mit mir und so hatten wir den Spaß am Tag, welchen die Schönheit eines Landkind-Lebens zuließ. Kurt und ich waren Nichtschwimmer, Herwig in der Disziplin des Schwimmens ungeübt. Dennoch reichten die Ermahnungen unserer Mütter (welche offenkundig und alleinig für die Kindererziehung zuständig waren) aus, um meterweite Sprünge von Fels zu Fels zu üben, ohne jämmerlich im kalten Schmelzwasser zu ersaufen. Auch bauten wir Flöße und optimierten tragfähige Einbäume, um uns von den unterhalb der Naturwehr (einem kleinen Wasserfall) besänftigten Fluten forttragen zu lassen. Dohlen, Amseln, Schwalben, Krähen und eine Vielzahl anderen ungezähmten Federviehs beäugten unser launiges und in der Tat riskantes Treiben. Kraftvoll bewarfen wir uns mit Schlamm, nassem Sand und feuchtem Gras. Ausgelassen war unser Spiel, ruhig unser Umgang. Die Fesselungen eines stummen Stadtkindes waren uns fremd. Nach der täglichen Erledigung der ebenso wiederkehrenden Schulaufgaben und gelegentlicher Hausarbeiten waren uns Türen und Tore zur freien Betätigung geöffnet. Unser Leben bestand zu jener Zeit aus Lernen, Werken und Spielen. Ungefragt fuhren wir dereinst 30-Kilometer-Touren mit unseren Fahrrädern (ich hatte mir meines mangels finanzieller Mittel aus Schrottteilen zusammengefügt), bauten Wälle sowie Burgen aus Erdballen und Treibholz, durchtauchten jedes begehbare Wasser im Umkreis und errichteten Baumhäuser in den mächtigen Kronen gut gewachsener Kastanien- und Nussbäume. Da uns die pünktliche Einnahme von Frühstück, Mittagessen und Jause meist – speziell in den Ferien – unwichtig erschien, ernährten wir uns auf den über die Mehrzeit des Tages dauernden Touren von Beeren, Zuckerrüben, frischem Fallobst und Korn. Mit gebrachte Wurst- und Käsebrote teilten wir stets kameradschaftlich auf und pflegten so unsere Brüderlichkeit. Was meinen Freunden trotz des innigen Verhältnisses zu jenen stets verborgen blieb, waren die unzähligen Dramen, welche sich hinter den dicken Wänden des von “blutiger Hand“ (so die Aussage meiner Großmutter Maria) errichteten Elternhauses abspielten.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten