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Health - History - Religion - Januar 31, 2024

BUCH ‘GELIEBTE HONIGMAUS’ – KAPITEL 04

„Schläfst Du, junger Mann?“ Von der Ermahnung meiner Lieblingslehrerin, Frau Sch., aus dem Tagtraum gerissen, stammelte ich nur bedeutungsloses Zeug: „Hm, ah, ich, hm, ich war nur in Gedanken.“ Irgendwie fühlte ich mich ungeliebt. Die Mädchen in meiner Schulklasse (“1c“) waren allesamt stolz, zickig und nurwenig liebenswert, mein Elternhaus bot mir selten Geborgenheit und meine Verwandten waren mit maximaler Vorsicht zu genießen. Kurz: An diesem Tag war ich auf der Suche nach Aufmerksamkeit. So hörte ich also in meinen Leib und glaubte, einen geringen Schmerz im Bauch zu spüren. „Der Thomas hat Schmerzen am Blinddarm!“ Meine Sitznachbarin hatte die Sache unkompliziert ausgerufen und schon stand Frau Sch. vor mir: „Stimmt das wirklich? Hast Du Schmerzen im Bauch?“ Mein verhaltenes Kopfnicken ließ Frau Sch. nur prüfend blicken. „Wo tut es denn weh?“ Peinlich berührt zeigte ich auf die Mitte meines Unterbauches: „Es ist aber nicht so schlimm. Geht schon.“, sagte ich. Und ich wollte mutig sein. Sabine lächelte mir anerkennend zu. Wenn ich also Mut und Härte zeigte, könnte ich mir durchaus die Zuneigung meiner Liebsten erschleichen, dachte ich. Schon am nächsten Tag war meine “Blinddarm-Strategie“ vernichtet. Sabine selbst war wegen eines Armbruches in das Krankenhaus Scheibbs eingeliefert worden. Noch am selben Tag wurde sie operiert. Eine Tragödie.

Auf dem Nachhauseweg spazierte mein Schulkollege Gert J. an meiner Seite. Meine Mutter war uns unweit der Schule und auf Höhe der Dorftierarzt-Praxis entgegen gekommen. „Grüß Gott, Frau Heidemarie!“ Gert war ein freundlicher Knabe. „Frau Heidemarie, stimmt es, dass den Thomas eine Giftschlange gebissen hat?“ Meine Mutter starrte mich wissend und wütend an. Endlich kam auch noch Kollege Wolfgang Sch. hinzu. „Grüß Gott, Frau Heidemarie!“ Auch Wolfgang war zur Freundlichkeit erzogen worden. „Frau Heidemarie, darf ich bitte auch die weißen Pferde und die goldene Kutsche in ihrem Keller sehen?“ Nun war meine Mutter gänzlich fassungslos. Wütend zog sie mich am Arm. Kurz vor unserem Haus sollte dann auch noch unsere Nachbarin, Frau K., ihren Beitrag zur Aufdeckung meines Lügenlebens leisten: „Grüß Gott, Frau Heidemarie! Darf ich zum Nachwuchs gratulieren?“ Als zum Gelächter der Nachbarin die letzte Lüge des vermeintlich missratenen Sohnes widerlegt war, hieß die finale Botschaft meiner Mutter an ihren Jüngsten nur mehr: „Warte, bis wir zu Hause sind. Dann nämlich marschieren wir gemeinsam eine Runde unter der Küchenlampe!“

Nach einer Reihe bunter Züchtigungen sollte ich also verstanden haben, dass die Wahrheitsliebe im Leben eines Menschen gleich nach der Nächstenliebe ihren Platz finden muss. Doch zuvor durfte ich noch die Effizienz des Kniens auf Holzscheitern, den Kanten von Treppenstufen und des stundenlangen In-der-Ecke-Stehens zur Bereicherung diverser Erziehungsansätze auskosten. Hinter mir wurden Türen und Fenster geschlossen und das Licht gelöscht. Es war gelebte, ungeliebte Dunkelheit. Wie Du Dir vorstellen kannst, meine süße Honigmaus, entwickelt ein Kind jenes Alters gewiss die Verhaltensform des Gerechtigkeitsfanatismus. Und ich war in jenem Alter in der Tat ein des Kampfes williger, beständiger und keineswegs erfolgloser Kämpfer. Auf diese Weise sollte mein Leben also zahlreich fanatische Prägungen erhalten. Wie Du später erfahren wirst, zeigte sich jener Fanatismus in vielerlei Lebenslagen. So auch in meiner Auslegung von Treue, der Liebes-/Sexualpraxis und bestimmt auch in der Erziehung meiner unsäglich lieben und schützenswerten Kinder.

Stets hatte ich Distanz zur schwurlastigen Gilde meines Umfelds. Eine Kette unverwüstlicher und nicht revidierbarer Tatsachen jedoch hatte ich mir selbst geschworen: Niemals würde ich rauchen oder andere Drogen konsumieren, niemals betrügen, keinesfalls mehr lügen und bestimmt nur einmal heiraten. Einige jener Schwüre hielten bis zum heutigen Tage. Mehrere jedoch sollten fallen, noch bevor ich die Volljährigkeit erreicht hatte.

Zuvor aber, geliebte Seele, Du meine Honigmaus, durfte ich noch innig Bekanntschaft mit meinen Großeltern in Zarnsdorf machen. Meine zerbrechliche Großmutter Leopoldine war ein Findel. Über mehrere Stationen aus dem Süden Europas nach Niederösterreich überstellt und einer zu jener Zeit wenig gewollten Volksgruppe entstammend, wurde Oma Poldi arisiert und mehrfach gerettet: Erst vor den braunen “Heimkehrern aus dem Reich“, zum Ende des Krieges vor den russischen “Befreiern“. Wie sie (Oma Poldi) mir erzählte, stellte sie damals vor Einbruch der russischen Besatzer in ihre Küche einen blechernen Wecker auf den Tisch, aktivierte zuvor den Alarm und versteckte sich im Küchenschrank. Als sodann die vielfach ausgehungerten Russen in die Küche stürmten, täuschte das schrille Läuten des Weckers über die verborgene Anwesenheit meiner lieben Großmutter hinweg. Lachend und fluchend verließen sie wohl die Küche und meine zarte Omi blieb unversehrt.

Jeder Besuch bei Oma und Opa in Zarnsdorf entsprach einem Abenteuer. Bereits die Fahrt mit der Schmalspurbahn war begleitet von den Rufen meiner ebenso freudig erregten Geschwister: „Tom, ein Reh! Schau, so viele Fasane! Ach, sieh doch, wie viele Enten dort stehen! Tom, der Osterhase!“ Gewiss war mit “Osterhase“ einer jener langohrigen Feldrammler und Mümmelmeister gemeint, deren Leben ein jähes Ende vor den bösen Schrotflinten schießwütiger Weidmänner finden sollten. Ich war dennoch außer mir. Nach Erreichen der Haltestelle in Zarnsdorf stets das gleiche Theater: „Tom, Du hast heute wieder Deine rote Latzhose an. Schaue nach vorne und sei vorsichtig beim Laufen. Verstanden?“ Keine noch so gut gemeinte Warnung reichte, um mich vor dem obligatorischen Sturz mit folglich blutigen Knien zu bewahren. Mein Jammern war kurz und kräftig, doch wusch ich die blutenden Wunden an Ellenbogen und Beinen mit Spucke, kratzte die im Fleisch steckenden Steinchen mit bloßen Händen aus und lief weiter. Denn: Die an der Dorfkapelle liegende Feuchtwiese mit den zahlreichen Blüten von Wiesenschaumkraut, Taubnessel, Schneeglöckchen und Schafgarbe waren mein Ziel. Keinesfalls wollte ich mit leeren Händen bei Oma Poldi ankommen. Den einen Besuch jedoch werde ich stets in verzehrender Erinnerung bewahren: Kurz nach Erreichen des Hofes meiner Großeltern betrat ich die Küche und fand – den prächtigen Wiesenblumen Strauß in Händen – meine Oma Poldi auf einem Stuhl sitzend und weinend vor. Aufgeschlagen bewahrte sie die aktuellste Ausgabe einer österreichischen Tageszeitung auf ihrem Schoß, tippte sodann auf ein Photo von Liz Taylor und sprach: „Schau, Günther, das war die Oma in jungen Jahren.“ Just war mir klar, dass in oder an meiner gütigen Großmutter etwas sonderbares vorging. Wie konnte sie nur vergessen haben, wie ich heiße? Als das Kind einer Kunst-versierten Mutter kannte ich das Abbild jener Schauspielerin von Weltruhm. Verwirrt und flink zugleich zählte ich Oma Poldi nun die bekanntesten Rollen der Darstellerin auf und erhielt dennoch eine Entgegnung. „Horsti, das ist die Oma gewesen.“ Mir war, als würde sich mein Herz öffnen, um dessen warmes Blut frei zu geben. Der Schock saß tief.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten