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History - Religion - Januar 30, 2024

Buch ‚GELIEBTE HONIGMAUS‘ – Kapitel 03

Auf diese tristen Wintertage folgte ein glücklicher Frühling. Karin R. war in mein Leben gekommen – und ich liebte sie. Die Tochter eines Elektrikers hatte rotblondes Haar, niedliche Sommersprossen und hübsche Augen. Eines Tages durfte ich auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades mitkommen. Schon nach der ersten Kurve hatte ich im Feuer meiner Umklammerung vergessen, beide Beine vom Antriebsrad fern zu halten. Natürlich riss es mir gleich den linken Fuß in die Speichen. Sofort hielt Karin an, zog mir unter mitfühlenden Blicken das Bein aus den Speichen, streichelte meine Wangen und drückte mein Gesicht an ihren Busen. Da aus dem einstigen Mädchen eine junge Dame geworden war, fühlte ich am Bein keinerlei Schmerz, in meinem Gesicht aber ihre netten Brüste. Ich war entzückt. Sofort hatte ich Hoffnung, dass es mir bei einem ähnlichen Unfall mit meinem Schwarm das Bein abriss. So hätte ich nämlich bestimmt das Glück, dass Karin mich heilend auf den Mund küssen würde. „Ach, Karin, Dich wollte ich heiraten.“

Wieder war Sommer geworden und die Sonne sollte über Wochen keine Regenwolken aufziehen lassen. Wie beinahe täglich saß ich am hölzernen Rand der Sandkiste auf dem Kinderspielplatz des Dorfes. Die reifen Früchte waren gefallen und der stattliche Birnbaum am Sandhaufen spendete zeitweise Schatten. Da sich unzählige Insekten am matschigen Fallobst delektierten, waren auch Hornissen gekommen, um sich ihre Opfer zu suchen. Eine niedlich dickliche Biene hatte sich eben an einer Obstsaftpfütze nieder gelassen. Nichts ahnend genoss sie wohl den zuckrigen Saft und pumpte diesen sichtlich gierig in sich hinein. Völlig unerwartet und absolut lautlos ließ sich eine riesige Hornisse aus dem dichten Blattwerk des Birnbaumes in die Tiefe fallen und krallte sich die kleine Pummelbiene. Nur kurz jammerte das süße kleine Opfer und schwieg hernach für immer. Gleich war die Hornisse mit der Bienenleiche wieder im Birnbaum Laub verschwunden und begann gut hörbar, den festen Panzer der kleinen Imme aufzubrechen. Das Knacken aus den Maulzangen der Hornisse durchdrang meine Knochen, mein Gemüt und meine Seele. Also nahm ich voll Zorn die größte Birne in meiner Nähe und schoss die Hornisse vom Baum. Da ich dieses Ungetüm glücklich getroffen hatte, landete das Tier nur wenige Meter von mir entfernt im Sandkasten. Mit einem Satz war ich beim verletzten Killer der lieben Biene und trampelte das blöde Vieh bloßen Fußes etwa zehn Zentimeter tief in den Sand. „Du bist wie mein Vater! Meist sieht man Dich nicht, unverhofft kommst Du – und wenn Du da bist, dann müssen alle um ihr Leben fürchten.“

„Na, Honigmaus, bekomme ich ein Küsschen?“ Meine geliebte Nachbarin Verena Q. Stand hinter mir. „Verena! Ich war schon so sehr traurig. Wo warst Du so lange?“ Die beste Freundin meiner Schwester Manuela war für einige Tage in Wien gewesen. Verena war ein Engel. Bescheiden, intelligent, ruhig und nachdenklich. Selbst als ich meiner Schwester Heupferde in den Puppenwagen gesteckt hatte, war Verena nicht böse. Sie fand meine Idee dieser naturnahen Überraschung sogar lustig. Meine Schwester hingegen zog mich am Ohr. Egal, man kann nicht alle Kreaturen lachen machen. Um mich für einige Grobheiten zu rächen, zeichnete ich eine Hexe mit Riesenwarze auf der Nase. Darunter schrieb ich „Das …“. Für umfangreichere schriftdeutsche Ergüsse reichten meine Kenntnisse leider nicht. Also sprach ich bei der Übergabe der Hexenzeichnung an meine Schwester noch „… ist Manuela.“ hinterher. Sie verstand trotzdem: „Danke, Dummkopf.“

Schulbeginn! „Grüüüüüüß Gott!“ Geräuschvoll und kichernd nahmen meine neuen Klassenkollegen Platz. Da ich aber lähmend nervös war, hatte ich tatsächlich verschlafen, mich ebenso zu setzen. „Wohl, junger Mann, muss man Dich zweimal bitten?“ Aus dem Stand ließ ich mich auf die harte Sitzfläche des Holzstuhls fallen. Die Horde tobte. Unfreiwillig war ich zum Klassenkasper des ersten Schultages geworden. Frau Direktor schüttelte den Kopf: „Na, das kann ja heiter werden.“

„Weil heute die Sonne scheint und Ihr kräftige Stimmen habt, wollen wir ein Lied lernen.“ Um die Schüler nach gesanglicher Fähigkeit zu trennen, musste jeder vorsingen. Im Spalier hatten wir – ähnlich einer Massenimpfung – auf die Minuten stimmlicher Wahrheit zu warten. Als ich an der Reihe war, brachte ich vor Schüchternheit keinen Ton heraus. „Nur zu, sing doch, sing endlich!“ Natürlich bewirkte diese rüde Ermunterung von Frau Direktor F. nur die totale Kehlen-Blockade. Ich war weinerlich verstummt. Wie auch immer: In der Gruppe öffnete sich mein Hals wieder und so sang ich denn wie ein Vögelchen: „Rauscht der Sommerwind durch die Ähren …!“ Rechts neben mir stand – Sabine, meine Ex-Geliebte. Und im Larvenstadium meiner beginnenden Künstlerkarriere traf mich die Liebe für dieses kleine, beidhändig Süßigkeiten verschlingende Gerippe wieder. Ja, Frau Direktor, das kann nun heiter werden.

Es war ein düsterer Septembertag. Die Volksschule hatte nach verregneten Sommerferien eben wieder ihre Pforten geöffnet. Wolken hingen Regen schwanger in die Niederungen. Anstelle einfach nur grau zu sein, erschien mir die Farbe des Dunstes an jenem Tag violett. Die Glocken der nahen Dorfkirche schlugen quälend in meine Gehörgänge. In diesen Minuten war mir wieder so, wie vor einigen Jahren, als ich vergeblich noch im Kindergarten abgegeben wurde. Damals – etwa zur selben Tageszeit – saß ich auf einer langen, Kinder-gerechten Holzbank am kahlen Gang des mir unlieben Gebäudes. Meine infantilen Kollegen waren längst von ihren Eltern abgeholt worden. Selbst die Erzieherinnen waren – mit einer Ausnahme – schon vor Stunden ihrer Wege gegangen. Nur meine liebste Kindergärtnerin (“Tante Hertha“) war noch da. Als ich nun die Kirchenglocken schallen hörte, wurde in mir die Angst immer größer, dass meine Mutter gestorben war. In der Phantasie des im Kindergarten vergessenen Vierjährigen sah ich schwarz gekleidete Männer und Frauen auf dem Weg zum Friedhof, wie sie den mit weißen Storen bedeckten Sarg meiner Mutter vor sich her schoben. Monotone Gebetsformeln wurden gesprochen, nahe Verwandte heulten wie die Hunde. Plötzlich sprang die Tür auf: „Entschuldige bitte, mein Schatz, aber ich habe Dich vergessen. Nicht mehr weinen.“ Meine Mutter war mit hoch rotem Kopf und merklich nach Luft ringend in den Eingang des Kindergartengebäudes gestürzt. Während ihrer Umarmung merkte ich, wie gut diese Frau nach der Würze des Herbstlaubes roch. Mutti war also doch am Leben geblieben. Natürlich hatte ich ihr jenes Missgeschick sofort verziehen.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten