myfather.blog

Wenige Sekunden ...

History - Religion - Januar 30, 2024

Buch ‚GELIEBTE HONIGMAUS‘ – Kapitel 02

Zur Zeit dieser ersten Liebschaft bestand die Population jener Ortschaft hauptsächlich aus Arbeitern. Jeder kannte jeden und alle kannten meinen Vater. Erstaunlicher Weise hielten die meisten seiner angelnden Mit-Zecher ihn für einen Ehrenmann. Dauernd markierte er den hilfsbereiten, fleißigen und humorvollen Macher. War er besoffen, so zeigte er stets die Wandlung zur schlagenden, spuckenden und fluchenden Bestie. Er war ein Schwachkopf. Wenn – so weiß es die Welt – Dummheit mit Brutalität sich paart, dann droht Gefahr.

Auch an einem dieser gefährlichen Tage wurde es Abend. Die Nacht war herein gebrochen und wie ein bekannt böses Omen drangen die Flüche des Mannes der Mutter an meine Ohren: „Du weißt doch, wie Du mich behandeln musst! Wie? Schmerzen? Ach, lass Dich doch von einem Rehbock schustern (f***en), Du dumme Sau!“ Was mein Zeuger damit meinte, war die seiner Ansicht nach mangelnde sexuelle Bereitschaft meiner Mutter. Dieser Mann wusste, wie man Frauen anmacht. Ein Gigant der innerehelichen Kunst des Beischlafs. Ein Oberarsch.

In dieser Nacht also zog es meine Mutter vor, sich in das nun schon entstandene Kinderzimmer zurück zu ziehen und die gefährlichsten Stunden in der vermeintlich sicheren Kammer der allesamt minderjährigen Kinder zu verbringen. Da das Zimmer nebst einem schweren Ofen nur mehr die zwei massiven Stockbetten der vier Kinder als Barrikaden zu bieten hatte, schob meine Mutter eines der beiden Doppelbetten von innen vor die Zimmertür. Wie schön. Kurz nach Mitternacht folgte der Auftritt meines Vaters: Sich dauerhaft räuspernd und dümmlich mit imaginären Gesprächspartnern unterhaltend, drückte er von außen die Zimmertür nach innen. Das schwere Stockbett bewegte sich knarrend. Panik. Ich hatte fürchterliche Angst. Noch bevor er zum finalen Schub ansetzte, schrie meine Mutter auf und rannte gegen das Türblatt. Fluchend zog er ab. Mit einem durchdringenden Schlag riss er hinter sich die Türe des elterlichen Schlafzimmers zu und verlor sich endlich im betäubenden Suff. Was für ein Blödmann.

Als meine Mutter etwa eine Stunde später und aus Platzgründen doch in ihr eigenes Zimmer ging, packte mich der Schlaf der Erschöpfung. Es sollte nur wenige Minuten dauern, bis ich im Traum den Besuch des Vaters wieder vor mir hatte. Vor Angst wollte ich zur Toilette und gab meinem Drang zu urinieren nach. Leider träumte ich noch und lag zudem im Bett. Ich hatte mich bepisst. Da nun Bruder Günther von meiner Unruhe wach geworden war, versuchte ich ihm meine nassen Hosen mit einem Übermaß an Schweiß zu erklären. Natürlich wusste er, was die Nässe eigentlich bewirkt hatte: „Du hast Dich angebrunzt, Idiot.“ Ich zog mich um, deckte den nassen Fleck auf der Matratze mit einem Handtuch ab und stopfte mir ein Unterhemd in die frischen Hosen. Man konnte ja nicht wissen. In den Sekunden vor dem Einschlafen schwor ich mir, groß und stark zu werden. Niemals mehr wollte ich Angst vor anderen Menschen haben. Heute bin ich groß, stark und habe vor keinem Menschen Angst. Danke, Vati. So entwickelt man seine Kinder. Und: Deine Anglerkollegen hatten Recht: Du warst ein Ehrenmensch.

Die Nacht war vorüber, dem gestrigen Kämpfen folgte der morgendliche Streit. Da der erinnerungslose Säufer argumentorisch in der Ecke stand, flüchtete er sich zu seinen geliebten Goldfasanen im winterlichen Garten unseres Zweifamilienhauses. Weil nun seine Liebe zu jenen Federtieren so enorm war, löste er den blutigen Streit zwischen zwei Hähnen auf spezielle Weise: So riss er einem der beiden Kämpfer bei lebendigem Leibe den Hals aus dem Körper. Schließlich erschlug er den zweiten Streithahn am tragenden Balken des Geheges. Es gab Fasanen-Braten. Ein Festessen. Mahlzeit.

Das Doppelhaus, in dem wir wohnten, stand in einer Aufschüttung, die den früheren Dorfteich unter sich begraben hatte. Wo einst Kinder in Waschtrögen auf jener gigantischen Pfütze herum ruderten, sickerte an diesem Tag Grundwasser durch das Fundament des Kellers. Da mein Vater ohnehin schon wutentbrannt durch die Gegend schoss, provozierte der Anblick des völlig überschwemmten Kellers den kapitalen Ausbruch: Unsere älteste Miezekatze marschierte neugierig zur Falltüre, um sich offenbar ein Bild von den witzig im Sickerwasser treibenden Gegenständen zu machen. Gummistiefel wippten im muffigen Nass und aufgequollene Sperrholzbretter lagen an der Oberfläche. Da meinem Vater in diesen Minuten die maximale Hitze hoch gekommen war und ihm die Nähe der Katze wohl wenig passte, kickte er das arme Tier wie einen Fußball in den überfluteten Keller. Unter lautem Quieken, Fauchen und Heulen landete Mieze schließlich im dreckigen Wasser. „Scheiß Katzenvieh, blödes!“

Oh, ich hatte vergessen zu erwähnen, dass mein Vater vor der profimäßigen Ausübung des Saufens ein bekannt begnadeter Fußballer war. Ein Mann voller Talente also. Bravo! Was für die moralische Kleinheit dieses Holzkopfes sprach, war der Umstand, dass sein fußballerisches Talent die zu dieser Zeit in Österreich namhaften Trainer und Funktionäre auf ihn aufmerksam machte. Um einen derart großen Sportsmann nicht verkommen zu lassen, lud man meinen Vorfahren also zu mehreren Probetrainings der österreichischen Nationalmannschaft ein. Dem Sohn einer österreichisch-ungarokroatischen Kriegspaarung versprach die Zukunft also ein Dasein in Wohlstand und Anerkennung. In gewohnt enttäuschender Manier zog es mein Herr Papa jedoch vor, sich mit Kollegen zu treffen und den ersten Trainingstag schlicht zu versaufen. Vati blieb – vermutlich aus Liebe zur Heimat und inniger Zuneigung für seine drittklassigen Vereinskollegen – in Petzenkirchen und erhielt einen Fixplatz in der Reservemannschaft. An der Seite fetter Schweinebäuche und roter Säuferköpfe feierte mein Vater Horst den wohlverdienten Abstieg in die unterste Liga – des österreichischen Fußballs. Was die Zecher-Qualitäten anging, so hatte der gute Mann das Zeug zum Superstar. Bundessäufer-Niveau also.

Es war Freitag – und ein kirchlicher Feiertag. Die mittelgroße Küche kochte vor Hitze und die ohnehin verqualmte Luft war zudem geschwängert von Bratenduft und anderen durchaus appetitlichen Gerüchen. Mittagszeit: „Also, entweder hat hier jemand in das Backrohr geschissen, oder ich rieche Schweinebraten!“ Mein Vater gab auf diese Weise zu verstehen, dass gedeckt werden dürfe. Maximal flink trug meine Frau Mutter also den fein geschnittenen Braten, die ansehnlich zerteilten Grillhühner, die pikant marinierten roten Rüben und den gigantischen Bottich an Kartoffelsalat auf. Trotz aller Mühe hatte die Gattin meines Vaters vergessen, dass unser betrunkener Angelsportler die Rosmarin auf den Brathähnchen keinesfalls leiden mochte. „Du weißt ganz genau, dass ich dieses scheiß Gras nicht mag, blöde Sau!“ Nervös und sichtlich angstvoll kratzte Mutti an den Hühnerteilen und versuchte so dem Wunsche des Gemahls nachzukommen. „Nein, was bist Du für ein Trampel! Willst Du mich verarschen? Der ganze Dreck schmeckt ohnehin nach dem blöden Zeug! Fresse ich nicht. Nein, diese Scheiße fresse ich nicht!“ Kurze Widerrede meiner Mutter, hochroter Kopf des Vaters, lautes Klirren – und die Schüssel mit den roten Rüben (der roten Bete) knallte gegen die Wand hinter dem glühend heißen Ofen. Geduldig sammelte Mutter ihre Kinder ein, führte uns allesamt in das kalte Nebenzimmer und beschwichtigte: „Der Vati hat heute schlechte Laune. Morgen geht es ihm wieder besser.“ Als Mutter das Zimmer verlassen hatte, wusste ich nur eine Sache zu sagen: „Vati hat einen Vogel.“ Meine Geschwister waren empört. Wie konnte der kleinste Spross des großen Zeugers nur solche Dinge sagen?

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten