myfather.blog

Wenige Sekunden ...

History - Religion - Januar 26, 2024

Buch ‚GELIEBTE HONIGMAUS‘ – Kapitel 01

Dieses Buch sei in Respekt jenem Kind gewidmet, welches zu sein einst meine Bestimmung war.

Was für ein Tag, mein Liebling. Was für ein Tag. Dir habe ich Gedichte gewidmet, Gemälde. Mein Herzblut – so sagt man. Es ist der 15. Oktober 2003 und ich empfinde Übelkeit und Betäubung. Offenbar hat meine kleine Familie mir ein böses Virus aus dem nahe gelegenen Einkaufsladen mitgeschleppt. Nun ja.

Warum ich Dir gerade heute – und eben erst heute – schreibe: Ich konnte mich nicht fassen, nicht die Größe finden, Dir unbeeinflusst und unbedarft zu schreiben, was mich seit Jahren und Jahrzehnten wiederkehrend mit Trauer und Fassungslosigkeit belegte. Heute aber bin ich, heute kann ich und heute werde ich. Ich liebe Dich. Also, meine geliebte Honigmaus, Dir sei dieses Buch. Dir und nur Dir allein, denn Du bist mein Gewissen – so sagt man auch. Und Du bist mir mein Leben. Meine Geschichte:

Großmutter Maria ist eine schreckliche Person. Ihre Falschheiten, ihre Lügen, ihre Hetze und auch meine kindliche Ohnmacht sind ihre Habe. Ihr Kapital. Vor einigen Tagen erst saß ich auf ihrem Schoß und lief plötzlich schreiend davon. Lachend rief sie mir ihre blöde Frage nach: „Aber Tommerl, was hast Du denn?“ Diese dumme Person hatte mir tatsächlich einen ihrer Finger in den Po geschoben. Damals wurde mir kotzübel. Was für ein Schwein. Bestimmt würde Gott sie dafür strafen. Da ich eben nicht wusste, ob ich von meiner Mutter für diese Geschichte Glauben oder Unglauben erhalten würde, behielt ich diese bis heute für mich. Heute? Ja, heute gilt Großmutter nicht nur als gestorben. Heute ist sie tot.

Hustend lag meine Mutter neben mir im Bett. Da wir (ich war eben erst vier Jahre alt geworden) zu jener Zeit ein recht ärmliches Leben führten, lagen auch noch meine drei Geschwister und der übel nach Alkohol, Zigarettenrauch, ungeputzten Zähnen und Schweiß riechende Vater im Kämmerchen an der Küche. Durchfallerkrankungen, Ohrenstechen, Halskratzen und Schnupfen wurden derart ebenso ausgezeichnet verbreitet, wie Angst und Starre. Mein Vater war schwerer Alkoholiker. Und? Nun ja, die Vorkommnisse der nächsten Jahre und Jahrzehnte waren allesamt ungewollt – sagt meine Mutter. Und alles sollst Du wissen. Alles, Du meine Honigmaus.

Guten Morgen, mein Leben! Heute ist Geburtstag angesagt. Wie so oft hatte ich von einem Familienmitglied die Kotzkrankheit empfangen. Da es an der Tür geläutet und ich zurecht den Besuch meines Nachbarn und Freundes Herwig erwartet hatte, sprang ich in meine neuen Hausschuhe, lief – von Kälte geschüttelt und Schwindel betäubt – auf den Flur, erbrach die grob zerkauten Frühstückseier über die Holzschuhe meines Vaters und konnte eben noch die Buntheit blanker Eiweißteile in wirrer Kombination mit gelben Dotterresten erkennen. Danach wurde mir schwarz vor Augen. Nicht – so war mir Minuten später bewusst -, weil die Krankheit mich zu Boden geworfen hatte, nein, mein Vater zog es vor, mir aus Ärger über den kurzfristigen Verlust seiner geliebten Holzschuhe einen Fausthieb auf den Hinterkopf zu widmen. „Herzlichen Glückwunsch, Du Trottel!“

Eben war erst Weihnacht, mein Vater war besoffen und fluchte auf meine unwillige Mutter, schon ist Geburtstag und ich bekomme Geschenke. Danke, Vati. Du hast mir gezeigt, wie kein Mensch sein darf. Wenn ich Dir, meine Honigmaus, nun all diese vermeintlich schrecklichen Dinge offenbare, so sei nicht traurig: Seit ich denken kann, bin ich an diesen Ereignissen gewachsen. Und niemals habe ich meinen Vater gehasst. Nein, ich habe ihn geliebt. Verehrt. Geheiligt. Jede Minute mit ihm, meinem Vati, war mir ein Jahr meines bis dorthin kurzen Erdenlebens wert. Wahrlich. Um ein einziges Lächeln, eine Geste des Lobes, der Anerkennung und Wertschätzung erhalten zu dürfen, saß ich stundenlang stillschweigend an seiner Seite und beobachtete den Korkschwimmer seiner Angelrute. Und wenn ein Fisch biss, dann schaute er zu mir und grinste mich breit an. Jenes Grinsen, welches zweifelsohne an Blödheit nicht zu übertreffen schien, war mir Trost und Heilung. Jeder Tritt, jeder Faustschlag und jede Form der Beschimpfung war ihm dann verziehen. So war ich ihm sein Sohn und er mir mein Vater.

„Lege Dich hin, Du blöde Sau!“ Zitternd stand ich – das rechte Ohr an die Wand zum Schlafzimmer gepresst – im Kabinett meiner Großmutter. „Ich sage es Dir zum letzten Mal: Lege Dich endlich hin, Du blöde Sau!“ Es war Sonntag, der Tag des Herrn. Vati schob uns in das Nebenzimmer und bat Mutti auf recht sonderbare Weise, mit ihm das Bett zu teilen. Niemals – so schwor ich mir damals -, niemals werde ich Sex haben. Das schmerzvolle Stöhnen meiner Mutter ließ eher auf eine betäubungslose Operation am offenen Schenkelbruch schließen, als auf schöne Dinge. Meine große Liebe hieß damals Sabine. Da ich seit dem ersten Tag erlebter sexueller Nötigung der Mutter durch den Vater eine tiefe Abneigung gegen jede Form der Geschlechtlichkeit hatte, beschloss ich für meinen kleinen Körper die Geschlechtslosigkeit.

Monate später war Sommer und die Zeit täglicher Treffen mit Sabine. Unsere Rendezvous fanden stets an der Sandkiste auf dem nahe gelegenen Spielplatz statt. Um meine nicht zu unterdrückende genitale Freude zu verbergen (ohne meine Zustimmung hatte sich also doch Geschlechtlichkeit entwickelt), straffte ich meine braun-/weiß-gestreifte Badehose stets der Länge nach. Was für eine Schande. Ich war also auch ein sexueller Bastard geworden. Für dieses Mädchen, Sabine also, hatte ich dereinst wahre Liebe empfunden. Rein, gläubig, vertraut und einzigartig. Und doch sollte mich diese kleine Ratte (so meine Empfindung aus sozialer Inkompetenz) schon in zartem Alter betrügen. Wöchentlich bekam ich von meiner Mutter einen Schilling Taschengeld. Da ich bereits zu jener Zeit ein großzügiger Knabe war, überlegte ich mir die Teilung in Süßigkeiten. Natürlich dachte ich dabei nicht an mich und meine lukullischen Bedürfnisse. Nein, Sabine sollte alles haben. Ich wollte sie verwöhnen, meiner aktuellen und vermeintlich ewigen Liebe die großen kapitalistischen Freuden zu Füßen legen. Aber: Sabine hatte eine Freundin – und Ulrike (so hieß die kleine Schlange) wollte auch die Taschen voll. Also sparte ich eifrig meine Kröten und lud diese kleinen Blutsauger zu einem Besuch im besten Laden der Ortschaft ein. Freilich überstiegen die gierigen Selektionen meiner Begleiterinnen binnen Sekunden mein Budget, doch konnte man sich auf zwei Traubenzucker-Lutscher, vier Erdbeerschnüre und einen in Schokolade getunkten Schaumkuss einigen. Noch bevor ich die freundlichen Nasenlöcher der beiden Tanten zu Gesicht bekam, hatte ich bezahlt und stand alleine vor dem Geschäft. Kichernd und zischelnd zog man es offenbar vor, sich zu verdünnisieren, anstelle dem Krösus zu danken. Mein kleiner Geldbeutel war leer und mein Herz gebrochen. Sabine hatte also eher Laune, mit Ulrike zu spazieren. Wie ich später erfahren musste, war Sabine ohnehin vergeben. Sie küsste lieber Herbert. Ich war unglücklich. Es schien mir, als hätte Sabine niemals Herzensbildung erhalten. Aus der einstigen großen Liebe des kleinen blonden Gebers (meiner selbst also) würde gewiss eine mittelmäßige Schülerin mit dem Berufsziel der Fabriksarbeiterin werden (so meine nicht gänzlich Rache-lose Vision). Zwei geschiedene Ehen und der stetige Wechsel von Geschlechtspartnern sollten das Dasein der jungen Dame komplettieren. Ja, Sabine mochte ich mir ersparen.

Was mir jedoch geblieben, war mein Petzenkirchen. Ein kleines Dorf im niederösterreichischen Voralpengebiet. Hügelig bis bergig verweilt diese heutige Marktgemeinde bis an das Ende meiner bewegten Tage in den Tiefen meines Herzens.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten