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Anatomie einer Beziehung - März 26, 2024

Anatomie einer pathogenen Beziehung 08

Um in der Nähe der Kinderzimmer zu sein, wählte ich das nächste Bad als Schlafstätte, legte die Wanne mit dem Kissen und einer Decke aus, um mich mit der zweiten zu wärmen. Da ich aus dem Ereignis in Gex gelernt hatte, verschloss ich die Badezimmertür von innen. Es dauerte keine Minute, hatte Lisa bereits bemerkt, dass ich mich widerstandslos gefügt hatte und trat in Aktion: „Wo ist dieses Stück S******? Tom, wo bist Du? Schon gestorben? So eine S*********, so ein D****stück!“ Zumal sie im Zimmer der Großen nicht fündig wurde, pochte sie brutal an die Badezimmertür und vernahm von mir lediglich: „Lisa, lass gut sein. Beruhige Dich und gehe zu Bett.“ Offenbar war sie mit dieser Ansage nicht zufrieden, rannte in die Küche, holte lautstark ein Messer aus der Schublade, nutzte den externen Notschlitz am Türschloss, um die Verriegelung von außen zu öffnen und brach ein. Gefasst stand ich nun an der Tür und erhielt sofort einen Faustschlag an die linke Schläfe. Um schlimmere Verletzungen zu vermeiden, drängte ich an ihr vorbei und eilte durch das Zimmer der Großen an die Terrassentür, durch welche abzutreten ich vor hatte. Das älteste Mädchen erhob sich nun aus dem Bett, stellte sich gegen Lisa, als würde sie mich gegen die dem Wahnsinn verfallene Mutter schützen wollen und wurde von Lisa prompt an den Haaren gezogen. Nun hielt ich Lisas‘ Hände, um die wüsten Grobheiten der Mutter ihrer fünf Kinder zu unterbinden und erntete eine blutige Bisswunde an meiner rechten Schulter. Wie von Sinnen sprang Lisa vor mir auf und ab, biss mich nun in die linke Schulter und trat in Sekundenabständen gegen meine Beine. Schließlich brachte sich auch der älteste Sohn in die Auseinandersetzung ein, bat seine tobende Mutter, mich doch ungeschoren zu lassen, öffnete die Terrassentür und ersuchte mich flehentlich, das Haus für kurze Zeit zu verlassen. Da ich endlich Lisas‘ Arme an deren Rücken verschränkt hatte, stieß ich sie kurz von mir, tat die wenigen Schritte auf die Terrassentür zu und hatte das Freie erreicht. Mit einem Schlag fiel die Terrassentür in die Verriegelung. Schrecklicher Weise war aus dem Inneren des Hauses das wilde Geschrei der selbsternannten “Mutter der Nation“ zu vernehmen, mit welchem sie ihre ältesten Kinder namentlich zu “Verrätern“ und “Betrügern“ machte. Endlich kehrte Ruhe ein und mit jener auch die Kälte der hochalpinen Nacht.

Das Außenthermometer zeigte erst 7, etwa eine Stunde später lediglich zwei Grad über Null. Erstaunlicher Weise konnte ich über meine aktuelle Situation noch schmunzeln. Hatte mich dieses brüllende Etwas doch tatsächlich dazu gebracht, dem Erhalt meiner Reputation als “Friedensengel“ gerecht zu bleiben. Als einzige Kleidung blieben mir sodann meine Unterhose und ein weißes (an den Schultern blutiges) Baumwoll-Hemd. „So hoch bin ich gestiegen, so tief nun doch gefallen.“, dachte ich. An einem windgeschützten Platz legte ich mich auf die bloßen Blanken, zog das Hemd über meinen kahlen Kopf und schloss die Augen.

Tatsächlich verfiel ich zeitweise in eine Art “Kältestarre“ und schlief ein. Auch dachte ich in der ersten Phase jenes Minutenschlafes an meine liebe Großmutter Leopoldine, welche gut 30 Jahre zuvor wiederkehrend erzählte, dass der Tod durch Erfrieren wohl der sanfteste sei. Keinesfalls sollten wir Kinder bei Nächtigungen in frostiger Umgebung einschlafen. Wärmend spürte ich nun die zarte Berührung der Liebe auf meinem Haupt und empfand dauerhaftes Lächeln in meinem Gesicht. Das Kältezucken meiner Muskulatur weckte mich vollends, nun kamen mir die Weisheiten meines Vaters in den Sinn: „Schmerz- und Kälteempfindungen sind relativ.“ Ja, er hatte absolut Recht. Endlich dachte ich an die Vielzahl buddhistischer Mönche, welche sich zum Zwecke der Meditation und Stärkung mit nassen Tüchern bedecken und bei Nachtfrost sitzend verweilen. Wohl verzichtete ich auf das Nässen meiner geringen Kleidung, doch verbrachte ich die nächsten Stunden sitzend am Türrahmen eines unbewohnten Nachbar-Chalets.

Mit dem Eintreffen der Morgenröte kippte ich kontrolliert zur Seite und schlief bis in den wärmenden Sonnenschein. Als ich in praller Bestrahlung der Vormittagssonne erwachte, fühlte ich gleichzeitig das Brennen auf meiner Haut. Hochalpin war meine Position, hoch rot mein Kopf. Hatte ich – so zeigte es mein Spiegelbild aus der Türverglasung – an der linken Seite massiven Sonnenbrand, war meine rechte Gesichtshälfte witzig von den in Abständen genagelten Bodenplanken mit Streifen versehen. Ob mir in jener Situation zum Lachen oder doch eher zum Trauern zumute war, kann ich heute nicht mehr in Gewissheit wieder geben. Mit Sicherheit jedoch stand ich auf, kehrte an die Terrasse am Zimmer der großen Kinder zurück, blickte vorsichtig zum Fenster hinein und sah bereits die wartende Älteste, welche mir liebenswerter Weise eine Art “Erstversorgung im Plastiksack“ durch den Türspalt reichte. „Papa, wir lieben Dich. Bitte sei leise, Mama schläft noch.“, sprach sie. Gleich wurde die Terrassentür wieder zu geschoben und ich nahm in einer nicht einsehbaren Ecke des Balkons Platz. Hastig trug ich meine kurzen Hosen auf, zog meine Schuhe an, schlich den Hang hoch und marschierte den Pfad quer über die Kräuterwiese, sodass ich in Richtung Gipfel anstieg. Etwa im Zentrum der Grassteppe lag ein riesenhafter Fels. Als ich mich näherte, zeigte sich mir eine praktische Vertiefung an dessen Oberkante. Diese wählte ich als Hochsitz.

Angenehm hatte die Sonne den steinernen Riesen erwärmt, sodass ich mich dem ersehnten Frühstück hin geben konnte. Rasch waren die Brote, Bananen, Äpfel und Käsestücke verzehrt, genüsslich die Saftflasche geleert. Langsam fühlte ich die nötige Energie in mir aufsteigen, sodass ich klaren Gedankens die nahe Zukunft planen konnte. Doch als ich realisierte, dass mein Versprechen auf Verbleib keinesfalls fallen darf, entschied ich mich frohen Herzens zum Gebet. Lange nach dem Ertönen des Mittagsgeläuts rauschte plötzlich der PKW Lisas‘ die Straße entlang. Aus einer Entfernung von etwa 100 Metern sah ich die Kinder aus dem Wagen winken. Offenbar schwiegen sie zu ihrer Entdeckung, sodass Lisa das Fahrzeug ungebremst die Serpentinen hinab steuerte. Ich war erleichtert.

Gerne sollte sie an jenem Tag meine Absenz verspüren, denn ich hatte nicht vollends ausgeschlossen, dass dieses Biest von Weib eines Tages zur Erkenntnis gelangen würde, reifen zu müssen. Kreischend zogen Gruppen von Vögeln an mir vorbei, in der Ferne balzte ein Fasanhahn. In bildhaften Phrasen dachte ich an Petzenkirchen, vergleichend empfand ich die Düfte des französischen Hochlands und jene meiner Heimat. Tiefe Trauer um den kommenden Verlust einer tot geborenen Beziehung erfüllte mich, als ich plötzlich einen beinahe hüfthohen Ameisenhaufen ausmachte. Interessiert stieg ich vom Fels und ging auf diesen gigantischen Insektenbau zu. Zehntausende von Individuen vermutete ich in dieser göttlichen Struktur und keines jener Lebewesen stritt oder kämpfte mit einem wesensgleichen. „Blöde, lieblose F****!“, dachte ich. „Guter Trottel!“, kam mir ebenso in den Sinn. Meine Mutter selbst warnte mich mit diesen Worten, auch meine Geschwister sprachen stets ihre Bedenken aus und Freund F**** gab sich besorgt. „Tom, ich zweifle an Deinem Verstand.“, schrieb mir mein ältester Bruder – und „Was Du mir von Deiner Frau erzählst, klingt wie die Geschichte eines neuzeitlichen Münchhausen.“, fügte er hinzu. Alle waren sie im Recht. Auch ich.

Es war etwa 14.30 Uhr, die Nachmittagssonne hatte die letzten spürbaren Erinnerungen an mein nächtliches Frieren schwinden lassen. Ich saß auf einem Baumstamm, als ich aus dem Hintergrund leises Knistern von trockenem Gestrüpp vernahm: „Tommi, hier sind wir wieder!“ Lisa und die Kinder waren den rückwärtigen Weg gefahren, hatten den PKW am Haus abgestellt und sich sodann – wie ich später erfuhr – auf “Papa-Suche“ gemacht. Wie erstaunlich doch diese markant ausgeprägte Unberechenbarkeit war. „Schwamm d’rüber.“ und „Lass uns den Blödsinn einfach vergessen.“, sprach sie. „Den Blödsinn?“, fragte ich. „Ja, ich war einfach schlecht gelaunt. Und als Du stetig widersprochen hast, ist mir eben das Temperament durch gegangen.“, meinte sie lapidar. In diesen Minuten hatte ich beschlossen, mir ab sofort verhaltensweise Fixpunkte zu notieren. Das befremdlich Sonderbare an jenem durch Lisa praktizierten Missbrauch war, dass sie am Folgetag eines derart schmerzlichen Geschehens vorgab, sich an keinerlei Auseinandersetzung erinnern zu können. So drängte sich mir der Verdacht auf, dass ich es hier entweder mit einer Schizophrenen oder doch mit einer notorischen Lügnerin mit Tendenz zur Spaltung zu tun hatte. Es war mir gänzlich unverständlich, wie ein Mensch “so nebenbei“ den angeblich “geliebten Lebenspartner“ verbal-moralisch mit Schmutz bewerfen und physisch ohne Rücksicht auf bleibende Schäden verletzen kann. Blutige Wunden aus dem Tatbild der aggressiven Persönlichkeit sind gewiss ernst zu nehmende Markierungen mit Zeitwert, so meine Überzeugung.

Nun: Lisa gab an jenem Nachmittag die liebende Gattin („Tommi, vor Gott sind wir dennoch längst vermählt!“) und versuchte, die folgende Nacht zur Kompensation ihrer Verbrechen zu missbrauchen: „Böse Erinnerungen weg f*****“, hieß ihr Motto. Dennoch darf man mir glauben, dass ich auf die vorangegangenen Schläge, Tritte und Platzwunden getrost verzichten mochte.

Die Tage verstrichen, Lisa hatte zwischenzeitig entschieden, das gesamte Chalet auf unsere Kosten mit neuen Teppichen auszulegen und zudem alle weißen Wände neu einzufärben. Auf diese Weise, so ihre Ansage, wollte sie „das Kommende mit einer neuen und dekorativen Basis“ versehen. Es wurde ihrerseits also übertüncht, was bis vor wenigen Tagen noch mein längst getrocknetes Blut zeigte. Diese Form der Vergangenheitsbewältigung ließ mich weiter Vorsicht aufbauen. Genauer verspürte ich zunehmend Misstrauen, da Lisa mit dem ohnehin recht knappen Geld hantierte, als hätten wir mit praller Börse einen Langzeiturlaub angetreten. Dem nicht genug, eröffnete sie bei drei französischen Banken Girokonten, legte ihre Gehaltsnachweise vor und erschlich sich scheinbar spielend Kreditrahmen über gut 30.000,00 Euro.

„Tommi, Du fährst mit den Kindern zum Sportplatz, ich erledige meine Bankgeschäfte.“, sprach sie. Als die Kinder und ich sie am Gehweg vor der letzten Filiale abholten, hatte sie aufs Neue eine Kundenmappe und Kopien von EC-und Kreditkartenanträgen erhalten. Fragen nach der Rechtmäßigkeit jener “Bankgeschäfte“ wies sie stets und als “unzulässig“ zurück. Es war wohl die Mischung aus völliger Negierung des dringend angebrachten Realitätsbezugs und der draufgängerischen Art der Hochstaplerin. „Ich werde alles mit meinem Gehalt zurück bezahlen!“, versicherte sie, als ich meine Bedenken äußerte. Besorgt sah ich sie an und konnte unschwer erkennen, dass sie eine Art des “perfektionierten Selbstbetrugs“ praktizierte.

Nun bekam Lisa bereits wenige Tage nach Beantragung ihre EC- und Kreditkarten, Scheckbücher und Überziehungslimite. Da ihre Gesprächspartner der jeweiligen Bank wohl durchwegs männlichen Geschlechts waren, vermutete ich in der Anwendung jener “Bankgeschäfte“ die gleiche Masche, der auch ich erlegen war: Wiederkehrendes, merkliches Erröten, vermeintliche Schüchternheit, vorgetäuschter Liebreiz und scheinbare Erotik.

„Heute möchte ich mit Euch hübsch einkaufen!“, kündigte sie an. Und: „Ich will, dass jeder seinen Bedarf nennt und ich kümmere mich um den Rest. Klar?“ Die Kinder waren ob ihrer Wesensähnlichkeit zur Mutter und deren fahrlässiger Praktiken sofort begeistert von der Idee, endlich neue Bücher, Kleider, Spielzeuge und Technik zu erhalten. Singend (“Nine Million Bicycles“ von Katie Melua) chauffierte Lisa die Familie zum größten Supermarkt des gesamten Rhonetals, zitierte die Kinder aus dem PKW, bat mich, dringend das Fahrzeug zu verlassen und rannte beinahe auf die Reihe zusammen geketteter Einkaufswagen zu. „Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder einmal ohne Rücksicht auf das Budget einzukaufen.“, sprach sie launig. Vorsorglich kontrollierte sie noch einmal ihren neuen Bestand an EC- und Kreditkarten (in Gold), teilte jedem großen Kind und sich selbst jeweils einen Einkaufswagen zu, bat mich, die Zwillinge und deren älteren Bruder an die Hände zu nehmen, fuhr ohne jede weitere Mitteilung auf die großen Glasfronten des Portals zu und verschwand etwa 30 Meter vor dem Rest der Familie im Bauch dieser gigantischen Kaufhalle. Gleich schlossen sich die Automatiktüren wieder und just in jenem Moment begann der Zwillingsjunge zu heulen: „Mama, wo ist Mama?“ Rasch wurde ihm erklärt, dass sich die großen Schwebetüren gleich wieder öffnen würden und ebendann tat sich die Front des Kaufhauses wieder auf. Schnell waren die Tränen des Winzlings getrocknet und eilig schlossen wir zu Lisa auf. Erstaunlicher Weise hatte diese bereits den halben Einkaufswagen mit Kinderkleidern, Schuhen und L***-Kartons gefüllt.

Diese Form des zwanghaften Wollens war mir gänzlich fremd, da meine Geschwister und ich in den Jahren unserer bescheidenen Kindheit stets zu Dankbarkeit und Respekt erzogen wurden. Lisa hingegen gab ein Beispiel für die Machbarkeit eines großen Kaufvorhabens ohne jedes Barvermögen oder die Sicht auf Erhalt eines veritablen Einkommens.

Zur Erinnerung: Lisa hatte das Kaufhaus etwa 40 Sekunden vor ihren Kindern und meiner Person betreten. Diese Konsumleistung war trotz ihrer kategorischen Unrechtmäßigkeit und der Zahlungstechnik jenes Jahres 2007 beachtlich. Kaum war der eine Einkaufswagen vollends befüllt, rief Lisa ihre älteste Tochter zu sich und tauschte kurzerhand den vollen gegen den leeren Wagen. Nun drang sie in das Reich der Bäcker, Fleischer und Käseverkäufer vor, rief „Camembert, Bergkäse, Gorgonzola, Nusskäse!“, warf von jeder Sorte zwei Großpackungen in ihren Korb und stürmte zu Puten-Schinken sowie den benachbarten Creme-Speisen und Pudding-Desserts. Vieles hatte ich in der meist bewegenden Zeit meines fragwürdigen Lebens gesehen, eine derart ausgeprägte Kaufwut jedoch war mir bis eben verborgen geblieben. „So, zweiter Wagen voll!“, sprach sie knapp, stellte den eben an sie übergebenen dritten Wagen quer zur Laufrichtung, hielt mich am linken Arm fest und sprach: „Und nun schöne Sachen für Dich, mein Süßer.“ Da mir die Teilnahme an der Vernichtung eines virtuellen Fremdvermögens zuwider war, sprach ich ab: „Lisa, danke, doch ich brauche wirklich nichts. Gar nichts. Und meine Müsli-Riegel kann ich problemlos selbst bezahlen.“ Sie entgegnete: „Ach, Tommi, sei doch nicht so schüchtern. Was magst Du?Milchschnitten? Schokolade? Gekochte Eier?“ Zur Wahrung des Friedens antwortete ich: „Gut, ich möchte bitte eine Packung der billigsten Müsli-Riegel. Danke.“

Nun ließ Lisa ihren dritten Einkaufswagen stehen und rannte in den nächsten Regal-Gang. Dumpf klang der Knall eines auf den Boden fallenden Etwas. In erster Ahnung bat ich die Kinder, bei den vollen Einkaufswagen zu warten und folgte dem Weg Lisas‘. Reglos lag sie vor mir, blass zeigte sich ihr Antlitz, flach war ihre Atmung. Vorsichtig nahm ich Lisa auf meinen Schoß, sprach ihr sanft in ihr linkes Ohr und vertrieb so die offenbare Ohnmacht aus ihrem Körper. „Lisa, Du bist gestürzt!“, sagte ich. „Komm, meine Schöne, ich helfe Dir hoch. Kannst Du stehen?“, fügte ich hinzu. „Ja, geht schon wieder.“, antwortete sie mutig. Als sie jedoch den linken Ellenbogen strecken wollte, ging sie erneut in die Knie und fiel nach hinten auf meine Schenkel. „Oh Gott, mein Ellenbogen ist gebrochen. Ich kann den Arm nicht strecken!“, weinte sie.

Eilig wurde die Marktleitung durch einen vorbei laufenden Regal-Betreuer herbei gerufen, erwogen, die Ambulanz an zu fordern und Lisa sofort in die nächstgelegene Klinik zu fahren. Lisa jedoch bat mich an ihre Seite und raunte mir zu: „Tom, Du weißt, dass Frank mich wegen Kindesentzugs angezeigt hat. Sollte ein Haftbefehl bestehen, so würde ich sofort fest gehalten werden und die Kinder kämen in ein Heim. Wir müssen dieses Problem für uns lösen.“ Gänzlich unverständlich erschien dem Marktleiter unser beider Entscheidung, doch nicht ungern ließ er eine Erklärung unterzeichnen, wonach Lisa nach Verlassen des Marktes keinerlei Ansprüche gegen die Supermarkt-Kette erheben würde. Gerne schenkte man den Kinder noch einige Süßigkeiten, nahm das Inkasso der vollen Einkaufswagen ohne Lisa vor, verfrachtete sämtliche Einkäufe in den PKW und empfahl sich.

„Tom, bitte lasse uns jetzt nach Divonne in das Freibad fahren. Ich muss mich etwas sammeln. Dort werde ich dann entscheiden, ob ich mich in Genf operieren lasse.“ Vorsichtig steuerte ich den PKW zum Freibad, packte die nötigsten Dinge, wie Lebensmittel, Badeutensilien der Kinder und Spielzeuge, verteilte die Fracht auf die Großen und stützte Lisa auf dem Weg zur Liegewiese. Gleich nach Vorbereiten der Kinder auf die Badefreuden liefen diese los und fanden Ablenkung in ihrem Spiel. Lisa und ich gingen zum nächst gelegenen Kinderbecken mit flacher Treppe, nahmen im seichten Wasser Platz und versuchten, die übel aufkommende Schwellung durch Kühlung zu stoppen. Selbst die Berührung mit dem kühlen Wasser bereitete Lisa wüste Schmerzen. Tief reichte mein Blick in ihre Augen. „Es tut mir schrecklich leid, dass Du diese Schmerzen erleiden musst, Lisa.“, sprach ich. „Ach, fühlst Du nicht Genugtuung, wenn Du an jene Schmerzen denkst, die ich Dir vor einigen Tagen zugefügt habe?“, fragte sie. „Ich bin kein rachsüchtiger Mensch, Lisa. Jeder bekommt stets, wonach er strebt. In diesem Fall fühle ich mich schuldig, da ich nachgiebig war und Dich gebeten habe, mir Müsli-Riegel zu holen. Dass Du dann auch noch auf einem kleinen Stück Karotte ausgerutscht bist, ist wirklich dramatisch. Von Herzen fühle ich mit Dir. Es tut mir leid.“

Rasch stellte sich heraus, dass Lisa keinesfalls ohne klärende Operation bleiben konnte. Schon eine Stunde nach unserer Ankunft riefen wir die Kinder, verspeisten die mit gebrachten Köstlichkeiten, packten und fuhren über die südliche Stadtgrenze nach Genf. Da ich zwischenzeitlich auch Christiane und Stepháne informiert hatte, empfahl man uns eine unseren Freunden bekannte Privatklinik unweit des gewählten Grenzübergangs. Nach Erreichen des Empfangs jenes Hospitals erklärte man unmissverständlich, dass alle OP-Teams der nächsten drei Tage bereits ausgebucht waren und empfahl uns, doch das öffentliche Klinikum im Zentrum der Stadt auf zu suchen. Doch nun kam Lisas‘ schier konkurrenzlose Unnachgiebigkeit zum Einsatz: „Ich will, dass Sie sofort den Oberarzt holen. Nein, schicken Sie mir die Klinikleitung! Sofort! Das ist ein Notfall!“, herrschte sie. Da sich die schwächlich Deutsch sprechende Empfangsdame wenig einsichtig gab, drohte Lisa, die Klinikleitung und das zunehmend eingeschüchterte Schweizer Fräulein wegen Unterlassung der Hilfeleistung anzuzeigen.

Was die Damen jedoch nicht wusste, war Lisas‘ unbedingte Notwendigkeit zur Verschwiegenheit, da sie selbst Gefahr lief, Zielperson eines P******einsatzes wegen Kindesentzugs zu werden.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten