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Anatomie einer Beziehung - März 21, 2024

Anatomie einer pathogenen Beziehung 05

Es war nun Donnerstag und unsere beiden Gastgeber schienen früh aktiv. Deren witziger Köter scharrte an der Tür eines der Gästezimmer. Eilig sprang ich auf, da ich ahnte, dass “Bomboo“ pinkeln musste. In Unterhosen und T-Shirt begab ich mich also samt Quartiergeber-Hündchen auf die Terrasse und erlebte – auf dem Absatz der Freifläche sitzend sowie mit dem Welpen zu meiner Rechten – den steten Sonnenaufgang. Sinnlich schob sich dieser wundersame Feuerball aus dem zart grauen Flaum des Morgendunstes und zeichnete ein berauschendes Orange auf die plane Oberfläche des Genfersees. Ich war zum Jubeln berührt. „Gott ist groß!“, fühlte ich und schier vorsichtig drang das Knistern des groben Schotters am Vorplatz zur Sonnenterrasse unten den Füßen Christianes‘ an meine Lauscher. „Guten Morgen, lieber Tom. Wie fühlst Du Dich heute?“ Es war mir eine ehrliche Freude, diese tolle und ihrem Ehemann Stepháne vollends ergebene Frau just in den Minuten großer Verzückung zu erleben: „Christiane, Dich an jenem Morgen zu sehen, ist mir von Herzen lieb. Danke, mir geht es gut. Ich bin gesegnet mit Lebensfreude. Wie empfindest Du heute? Wie geht es Dir, Christiane?“ Im Flüsterton antwortete Christiane: „Tom, ich mache mir arge Sorge um den Zustand Deiner Lisa. Stepháne und ich fürchten wirklich um Dein Leibeswohl. Ehrlich. Schlägt Lisa Dich? Im Ernst: Wird sie handgreiflich?“ Grinsend antwortete ich: „Nun, bis eben hat sie mich noch nicht gebissen.“ Wohl hatte ich seit Monaten eine ähnlich lautende Ahnung, doch wollte ich in jener Phase gewiss nicht zugeben, dass ich ihr längst schlimme Dinge zutrauen würde. Und: Es sollte keine 72 Stunden mehr dauern, bis Lisa das erste Mal vollends die Balance verlor um mir an die Augen zu gehen.

Kurz nach Einnehmen des Frühstücks baten Christiane und Stepháne uns zu einem “Erwachsenengespräch“. Ausgelassen spielten alle sieben Kinder im Garten mit Blick auf die am Himmel stehende Sonne und den nun im grellen Licht dieses lauen Vormittags schillernden Genfersee. Gemeinsam nahmen wir am schmiedeeisernen Terrassentisch Platz und aufmerksam lauschte ich den Ausführungen Stephánes‘: „Wir hatten noch nicht Gelegenheit, Euch von unserem Bürgerhaus in der grenznahen französischen Ortschaft Gex zu erzählen. Dies möchten wir nun nachholen und Euch gerne anbieten, dort kostenfrei auf unbestimmte Zeit zu wohnen. Das Haus verfügt über die nötigen sanitären Einrichtungen und kann Euch jene Ruhe bieten, die Ihr offenbar so dringend braucht. Da sich über lange Zeit kein Mieter gefunden hat, wäre das Haus nun endlich bewohnt und würde so auch gepflegt werden können.“

Überwältigt von jener Großzügigkeit und freudig, endlich wieder Fuß zu fassen, sah ich Lisa an, welche offenbar noch nicht willens war, kurzfristig und dankend zu zusagen. Entschlossen und zustimmend sagte ich Dank und erlöste die am Tisch sitzenden Erwachsenen aus der Beklemmung der von Lisa gezeigten Undankbarkeit. Jener üble Opportunismus zeigte sich wohl deshalb, da das noble Anwesen unserer Herbergsgeber gewiss über Lage und Ausstattung verfügte, welches aus meiner Erinnerung keinen architektonischen Vergleich fand. Dennoch war mir absolut unverständlich, dass ein vom Schicksal derart belohnter Mensch (wie Lisa dies war) sich noch seiner anerzogen wählerischen Unart hingab und die quasi Schenker einer Bleibe auf Dankesworte warten ließ.

Hastig brachte Lisa ihren Wunsch nach einem Tagesausflug “in Richtung“ Genf vor und rief ihre Kinder zu sich. Heiß lag die Rue du Mont Blanc im Orange des Nachmittags jenes 31. Mai 2007 und maulend schritt Lisa hinter den Kindern und mir her: „Bevor ich mit Dir dieses angeblich tolle Haus in Frankreich beziehe, möchte ich, dass Du mich sofort heiratest. Sofort! Unsere Hochzeit wäre mir der einzig akzeptable Beweis dafür, dass Du imstande bist, überhaupt etwas auf die Reihe zu bekommen. Heute ist der 31. Mai und jener Tag war bereits einmal mein Hochzeitstag. Ich möchte diesen beibehalten.“ Da ich darauf hinwies, dass es bereits 14.00 Uhr nachmittags sei, überschlug sich Lisa in der Findung neuer Schimpfworte für mich: „Du elendes Stück Sch****, Du ödipaler Wi*****, Du hirnloser Nazi aus dem beschissenen Österreich! Hast Du nun eine Ausrede dafür, mich nicht heiraten zu müssen? F***** willst Du mich, doch Deine Frau darf ich nicht sein. Verschwinde endlich und lasse Dich bei mir nie wieder blicken! Oder besser: Ich gehe. Ja, ich gehe und komme niemals mehr wieder! Diese Sch***kinder wollen ohnehin nur fressen und spielen. Keines davon fragt, wie es mir geht. Ich habe Euch alle in Liebe empfangen, ausgetragen und aus mir gezogen. Das ist der Dank dafür? Nun liebt Ihr Euren neuen Papa mehr, als mich. Ich hasse Euch alle. Bleibt mir bloß vom Leib. Geht fort. Bleibt weg!“

Wütend zog sie ihre altrosa Filzjacke von den Schultern über die Arme und rannte wie eine Flüchtende davon. In ihrer Verwirrung wechselte sie wiederkehrend vor hupenden Autos die Straße und verschwand schließlich unweit der Rampe des städtischen Bahnhofes. Schluchzend legten die Zwillinge ihre kleinen Händchen in die meinen und baten mich, sie niemals alleine zu lassen. In tiefster Berührung nahm ich alle fünf Kinder in meine Arme, sprach ihnen Mut zu und versicherte meine Treue. Nun führte ich die Schar der Kinder an jenen Parkplatz zurück, an welchem wir zuvor den Wagen abgestellt hatten. „Erst einmal wird Euer Papa Euch hübsch füttern. Gut?“ Lächelnd stimmten die Mäuse zu und aßen kräftig aus dem reichen Bestand unserer haltbaren Lebensmittel.

Da Lisa in den unbekannten Gassen der Schweizer Metropole verschwunden war, rief ich über das mit geführte Mobiltelefon Stepháne an. Kurzgefasst schilderte ich ihm die Flucht Lisas‘ und erhielt spontan eine Zusage, die fünf Kinder nach Frankreich in das Landhaus der Familie zu nehmen. Gewiss konnte ich auf diese Weise Lisa finden und hernach ebenso nach Gex wechseln. Etwa eine halbe Stunde später war Christiane bei uns, nahm die Kinder zu sich in den Wagen und stellte einen lustigen Abend im neuen Haus in Aussicht. Sofort waren die Kinder von der Idee der Reise in das vermeintlich “ferne Frankreich“ begeistert. In süßer Manier fragten die Zwillinge, ob sie beide nun nach Frankreich fliegen müssten oder ob man besser mit dem Schiff hinkomme. Jedes Küken küssend, verabschiedete ich nun die Schar und machte mich auf die Suche nach Lisa.

Langsam wich das hübsche Orange der Abendsonne dem tiefen Blau des Nachthimmels und sinnend marschierte ich durch die Straßen des Stadtkerns. Duftig strömten mir die Lüfte aus Gassen und Gässchen entgegen, launig klangen die Lieder aus den zahlreichen Restaurants und Kaffeehäusern. Da mir in großer Zahl Polizisten entgegen kamen und zwei Ambulanzwagen an mir vorbei rasten, packte mich die Unruhe den Zustand Lisas‘ meinend. Mehrfach hatte sie bereits versichert, eines Tages auf gleiche Weise “gehen“ zu wollen, wie dies gut vierzig Jahre zuvor ihr Vater zu tun pflegte. Der Freitod schien ihr finales Ideal im Umgang mit dem eigenen Leben.

Es war eben 19.30 Uhr und die Glocken der nahen Kirche schlugen zur halben Stunde. Das letzte Rot der untergehenden Sonne färbte die Fontaine des Springbrunnens nahe des “Parc Alfred Bertrand“, als mein Telefon läutete: „Tom, hast Du sie gefunden?“, fragte der hörbar besorgte Stepháne. „Bedauerlicher Weise noch nicht, mein Guter. Ich würde Dich sofort anrufen, sobald ich sie wieder habe.“ Dankend beendete ich das Telefonat, als ich auf einer Distanz von etwa 150 Metern die schmale Statur Lisas‘ hinter der Säule des Monuments am Brunnen erblickte. Sitzend verweilte sie mit geschlossenen Augen und regungslos schien sie sich bereits der Welt entzogen zu haben. Erst marschierte ich im Stechschritt näher, um hernach langsam und voller Anspannung von links an sie heran zu treten. „Lisa?“, sprach ich. „Lisa, hier bin ich wieder. Ich freue mich, Dich endlich gefunden zu haben.“ Unverhofft traten breite Ströme an Tränen aus ihren Augen und schluchzend sagte sie: „Ich hatte schon befürchtet, Dich so sehr verletzt zuhaben, dass Du mich nun gar nicht mehr liebst. Liebst Du mich?“ Ohne jede Trübung antwortete ich: „Gewiss, Dich liebe ich immer, Lisa. Ja, ich liebe Dich.“ Just in jenen Sekunden der Bezeugung meiner Loyalität hatte ich ausgesprochen, was nicht mehr war. Ich empfand nichts. Nichts.

Über eine weitere halbe Stunde hielt ich sie in meinem Arm und tröstete sie durch sanfte Berührungen und leise Worte. Nun rief ich Stepháne an und bat ihn, uns den Weg nach Gex zu weisen. Die Fahrt durch das Schwarz der jungen Nacht war geprägt durch Schweigen und Erschöpfung. Schließlich übergab man uns erleichtert das Haus zur Nutzung und wünschte uns eine friedliche Zeit. Als die Kinder den Anstrengungen des Tages erlegen waren und schliefen, nahm Lisa nackt auf meinem Schoß Platz und ließ einen warmen Strom an Tränen und Speichel in mein Gesicht fließen, als wolle sie mich mit dem Quell ihrer Verzweiflung ertränken. Zögerlich fielen die St*** in sie aus und rasch schlief sie auf mir ein.

Gegen 03.00 morgens weckte mich hartes Donnergrollen. Schwer fielen die Regengüsse auf die Dächer der benachbarten Häuser und rasch formierten sich die kleinen Bäche der Rinnsale zu breiten Strömen trüben Wassers. Gleich traten die ersten Nachbarn aus ihren Häusern und warfen dicke Sandsäcke vor die Türen. Wege wurden gesperrt und Freiwillige der Ortsfeuerwehr trafen unter Blaulicht mit ihren Rüstfahrzeugen ein. Stechend drang das Blinken der Warnleuchten in meine Augen. Sofort war ich von der Erinnerung an die Blaulichter der Autobahnpolizei bei Aschaffenburg getroffen. Unverhofft griff Lisa nach meiner linken Schulter. Ich erschrak. Ohne jede weitere Regung sprach sie: „Tom, ich habe Angst, dass aus Berlin Leute anrücken, die mir die Kinder weg nehmen.“ Klar gab ich ihr zu verstehen, dass sie mit ihren Opponenten in Berlin schnellstmöglich kommunizieren müsse. „Ach, nun willst Du, dass ich mit den Peinigern meiner Kinder auch noch spreche? Wahrscheinlich verrätst Du uns heimlich, damit diese Verbrecher uns früher finden!“, erwiderte sie. „Aber nein, so etwas würde ich niemals machen. Wichtig ist jedoch, dass Du das Gespräch suchst. Noch heute. Dieses Versteckspiel gleicht bereits einer Flucht. Was aber soll werden, wenn Frank Dich wegen Kindesentzugs verfolgen lässt?“, sprach ich. „Nun hast Du auch noch Angst, Hosen********? Ich wusste, dass Du ein widerlicher Mother****** bist! Du kannst in Berlin zu Frank ziehen, dann könnt Ihr Euch gegenseitig die E*** schaukeln!“, schrie sie nun aus.

Ich schloss die Fenster und zog die Vorhänge zu. Erneut schob sie meine Liege von sich, warf mir das Kissen an den Kopf, rollte sich in ihre Decken ein und schwieg. Etwa eine halbe Stunde später war sie unter dem Ausspruch weiterer Flüche und Verwünschungen eingeschlafen.

Vorsichtig schlich ich an die Fensterflügel und öffnete diese wieder. Dann ließ ich mich erneut auf meiner Matratze nieder, bedeckte mich mit einem Badetuch und träumte von der Lösung jener Probleme. Es ähnelte alles zunehmend den Zuständen in Petzenkirchen. Mir schien, als hätte ich hier einen Typus Frau angenommen, welcher die gleichen Verfehlungen praktizierte, wie dies mein Vater tat. Wie erstaunlich.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten