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Anatomie einer Beziehung - März 19, 2024

Anatomie einer pathogenen Beziehung 04

Intensiv und klärend war die traumhafte Aufarbeitung des Erlebten in jener Nacht. Kurz nach 06.00 Uhr morgens erwachten die Jüngsten und begannen, lautstark wie gierig die unreifen Kirschen von den Bäumen der nahen Plantage zu pflücken. Ich untersagte den offenbaren Diebstahl der Früchte und wurde von Lisa unverzüglich zurecht gewiesen, ihre Kinder in deren freier Entwicklung und bekannter Not nicht einzuschränken. Erstmals verspürte ich undefiniertes Erstaunen zur klaren Meinungsdifferenz, welche mir – nachträglich und unerotisch analysiert – bereits ausreichend Grund zur sofortigen Auflösung jener krummen Beziehung sein hätte können. Da jenes von deren Mutter gestützte und diebische Treiben der Kinder jedoch vom ebenso wachen Obstbauern nicht unbeobachtet blieb, fuhr dieser Minuten später bereits den Schotterweg entlang und blickte mit tiefen Stirnrunzeln aus seinem Wagen. Die Peinlichkeit jener Situation ließ mich die Kinder wider der kleinkriminellen Neigung meiner 5-Monatsamoure zu mir rufen und deren moralisches Bild unmissverständlich korrigieren: „Kinder, wir nehmen keinesfalls Dinge, welche uns nicht gehören. Verstanden?“ Mit Blick zu deren Mutter und merklich unschlüssig bestätigten mir die fünf Zöglinge ihre Einsicht zu meinen Bedenken. Da Lisa jedoch gänzlich anderer Ansicht war, konterte sie in Anwesenheit ihrer Kleinen: „Ich wusste, dass Du meine Kinder nicht liebst. Wie kannst Du verbieten, Kirschen von frei stehenden Bäumen zu nehmen? Das macht doch jeder!“ Mir wurde übel, zumal mich partiell die Erkenntnis traf, eine Art “Lady de Winter“ (literarisch definierte Gefolgsfrau des Kardinals Richelieu aus dem Roman “Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas) als Lebens- und Geschlechtspartnerin erkoren zu haben, welche in ihrer markant diabolischen Art jede Form der Zwietracht zu schüren vermochte.

Nach einem wenig erfreulichen Wortwechsel, vielmehr einem Monolog der Kindesmutter zugunsten freier Entscheidung pro oder contra des Diebstahls brachen wir auf, um einen in der Dunkelheit der vergangenen Nacht per Wegweiser angekündigten und für Übernachtungen eher geeigneten Camping-Platz zu finden.

Bereits nach kurzer Fahrt erreichten wir das Gebiet “Meyrin“ unweit der Landesgrenze zu Frankreich und sprachen im Büro einer vom massiven Alkoholkonsum gezeichneten Dame vor, um mit einer linguistischen Mischung aus Französisch und Englisch unsere Absicht zum bezahlten Verbleib auf jenem Camping-Platz mi zu teilen.

Die Sonne stand schon hoch und tief blau zeigte sich der Himmel über unseren Köpfen. Launig und voller Übermut nahmen die Kinder “ihr Stück Wiese“ in Beschlag, welches sie in deren Phantasie bereits als künftige Schlafstätte auserkoren hatten. Licht und zart grün entfaltete sich das Mai-Laub der Bäume und gefühlt vorsichtig erreichte uns eine Vielzahl an Düften aus den Kelchen zahlloser Blumen in Pflanztöpfen. Da die Kinder begannen, freudig nach “Diamanten und Rubinen“ (Quarziten im Schotter des Feuerplatzes) zu suchen, zogen Lisa und ich uns auf deren Geheiß zu einer gemeinsamen Dusche im Bäder-Abteil zurück. Ob ihrer nicht verbalisierbaren, doch morbiden Schönheit vermochte es jenes Weib, mich vergessen zu machen, was ich Stunden zuvor noch nachhaltig kritisierte. Und so schwand mit jedem Stoß ein Teil meiner Zweifel an der Richtigkeit zum Verbleib mit jener Frau. Selten zuvor hatte ich einen derart anziehenden Körper mit beeindruckend entzückender Scham gesehen. Im intonierten Antritt ihres ersten Orgasmus jedoch erreichte mich die Basis-Erkenntnis, welche mich unsinniger Weise bis in das Jahr 2012 begleiten würde: „Oh yes, Frank, i am coming!“

Eilig entschuldigte sich Lisa bei mir, mich versehentlich mit dem Namen ihres Ex-Ehemannes bezeichnet zu haben und drehte sich um, sodass ich sie im Stehen von hinten nehmen konnte. Es erreichte mich die Erkenntnis, dass die Frau an meinem Leib niemals aufhören würde, ihren Ehemann – welcher ich nicht war – zu lieben.

Kurzfristig beschloss Lisa, einen Ausflug in die Weinberge nächst der kleinen, am Genfersee gelegenen Stadt Rolle zu unternehmen. Eifrig suchte man nach einem Platz zum Speisen und wurde an einem Feldrain nahe den sanft im Hang liegenden Feldern fündig. Der Tag neigte sich dem Ende zu und tief graue Gewitterfronten zogen auf. Sorgsam führte ich ein Kindchen nach dem anderen zum Wässern in die Büsche und nahm sodann auf der weißen Decke meinen Platz ein. Grimmig blickte mich Lisa an und sprach: „Nun hast Du uns ins Verderben geführt, Herr L*****. Ich hatte ein tolles Häuschen in Zehlendorf, ein gutes Verhältnis zum Jugendamt und eine streitfreie Beziehung zum Vater meiner Kinder.“ Schockiert saß ich mit geweiteten Augen Lisa gegenüber und fand kaum meine Sprache wieder: „Der Entschluss zum Verlassen Deutschlands war doch nicht meiner, Lisa. Du weintest am Küchenherd stehend und sprachst von der bedrohlichen Strategie Deines Ex-Mannes, welcher mit Sicherheit seine Kinder holen würde. Hernach hast Du gepackt, Deine Anreise bei der UNO in Genf angekündigt und weg waren wir.“ Blass vor Zorn erhob sie sich und verließ schweigend die Gemeinschaft. Aus einer Distanz von etwa 50 Metern rief sie: „Damit Du weißt, was nun kommt: Ich werde jetzt verschwinden. Mich seht Ihr nicht wieder. Nun hast Du meine Kinder und kannst sie nach Berlin zurück bringen, um sie dort dem Jugendamt zu übergeben!“ Sofort begannen die Zwillinge zu weinen und rannten ihrer Mutter hinterher. „Bleibt bei Eurem neuen Vater, ich will Euch nicht mehr. Verschwindet!“ Rüde stieß sie die Kinder von sich und verschwand in den geordneten Reihen der Rebstöcke. Aus der Ferne drang massives Donnergrollen an meine Ohren. Nun holte ich die kleinen Mäuse (Zwillinge) zu mir, herzte und küsste sie, zog ein Tuch über Ihren Schoß und summte ein Lied in deren kleine Ohren. Sofort beruhigten sie sich und fragten, ob ich für immer bei ihnen bliebe. Meinen Verbleib versicherte ich natürlich sofort. Liebevoll legten sie ihre Köpfe an meine Schultern und schlummerten ein.

Arhythmisch tuckernd näherte sich ein Motorrad, auf welchem ein gut gekleideter Mann von etwa 35 Jahren saß. Kurz vor unserem Sitzplatz versagte der Motor gänzlich und das Gefährt mit dem Lenker rollte in unsere Richtung aus. Darauf bedacht, sein schweres Gerät nicht fallen zu lassen, stellte er dieses sorgsam ab und trat auf die Kinder und mich zu. In französischer Dialektik sprach dieser nun: „Guten Abend, mein Name ist Stepháne. Eben ist mir das Benzin ausgegangen. Würden Sie mir bitte Ihr Telefon leihen, sodass ich meinen Frau anrufen kann?“ Gerne sagte ich zu und reichte ihm mein Mobiltelefon. „Sie schickt offenbar der liebe Gott. Wären Sie nicht hier, müsste ich mein Motorrad die drei Kilometer nach Bugnaux hoch schieben.“ Ich antwortete: „Ja, ohne Zweifel sendet unser aller Gott den Einen dem Anderen.“ Fragend sah mich Stepháne an und wollte offenbar hinterfragen, was ich eben sagte, als bereits seine Frau am Telefon antwortete: „Ja, Liebling, Stepháne hier. Ich stehe am Fuße des Berges in Richtung Rolle. Wessen Rufnummer dies ist? Ein freundlicher Herr, welcher mit seinen Kindern am Wegesrand saß, hat mir sein Telefon geliehen. Mir ist eben der Treibstoff ausgegangen. Kannst Du mich bitte holen? Oh, warte, der Herr meinte eben, er könne mich hoch fahren. Das ist aber nett. Wer das ist? Moment, ich frage.“ Noch ungefragt nannte ich meinen Namen und teilte mit, dass ich Österreicher mit Berliner Wohnort sei. So setzte Stepháne fort: „Stell Dir vor, Liebling, der Vater der Kinder kommt auch aus Österreich. Das nenne ich nun eine beeindruckende Begebenheit! Also, bis gleich, Liebling. Ich komme nun nach Hause und schleppe hernach die Maschine nach oben.“ Sofort wurde ich aufgeklärt, dass Christiane, die Ehefrau Stephánes‘, aus Wiener Neustadt in Niederösterreich stammte und aufgrund des diplomatischen Einsatzes ihres Vaters in Genf erzogen und beschult wurde.

Als nun Lisa aus der Ferne den Fremden erspähte, kam sie zögerlich näher und fragte mich mit gekonnt freundlicher Miene, wen ich denn hier kennen gelernt hätte. Kurz schilderte ich die Ereignisse und fuhr Stepháne nach Bugnaux. Lisa verblieb nun bei ihren Kindern. Am Vorplatz des Hauses in Bugnaux angekommen, wurden Stepháne und ich bereits von drei Frauen, zwei Männern und vier Kindern empfangen. Allesamt waren sie gekommen, um den Österreicher aus Berlin zu bestaunen, welcher sich spontan bereit erklärt hatte, den “gestrandeten Biker“ nach Hause zu fahren. Unverzüglich und absolut freundlich wurde ich Stephánes‘ Frau Christiane, deren zwei Töchtern und den Nachbarn vorgestellt. „Das ist also Tom, mein Retter. Ich denke, es wird gut sein, gleich wieder nach unten zu fahren, sodass Tom auch seine Familie hoch holen kann. Jaques* (*Name geändert) und ich werden dann mit unserem Geländewagen mein Motorrad hoch schleppen.“

Die Pläne Stephánes‘ wurden nicht diskutiert, sie wurden sofort ausgeführt. Noch vor der Abfahrt an den Bergfuß jedoch sprach Stepháne eine Einladung zur Nächtigung der Familie über mehrere Tage aus. Deren Haus sei vollends offen für Lisa, die Kinder und mich. Widerspruch sei zudem zwecklos. In jener Situation dankte ich Gott für die Entsendung seiner Engel in Gestalt dieser lieben Familie, welche uns vertrauensvoll bei sich aufnahm. Mein eindringliches “merci beaucoup“ war Stepháne nun vollends Erklärung für jenen Aphorismus („Ja, ohne Zweifel sendet unser aller Gott den Einen dem Anderen.“), welchen ich Minuten zuvor am Fuße des Berges ausgesprochen hatte.

Als ich in Begleitung der lieben Leute aus Bugnaux bei Lisa und den Kindern angekommen war, fasste ich kurz zusammen, was sich im Kreise dieser bezaubernden Helfer ergeben hatte. Wortlos jubelnd und ihre Kinder zum Aufbruch auffordernd, packte Lisa die Utensilien unseres einstigen Picknicks lose in die Decke, stopfte das Bündel aus Lebensmitteln und Besteck in den Kofferraum ihres Wagens, nahm selbst, weil eigenmächtig, am Steuer des PKW Platz und lenkte diesen in Unkenntnis des absoluten Ziels den Berg hoch. Beinahe fieberhaft ergab sie (Lisa) sich den Mutmaßungen um den Vermögensgrad unserer neuen Bekannten und zählte schon Minuten nach der Abfahrt die Wertmäßigkeiten des Motorrads, des Geländewagens und eines ihr bis eben noch unbekannten Doppelhauses in den Weinbergen zu Bugnaux auf. Worum wir als Gestrandete nicht wussten, war die tatsächliche finanzielle Not unserer liebenswerten Herbergsgeber.

Wieder hatte sie es geschafft, ihre Kinder sofort nach Ausspruch der absoluten Trennung vollständig vergessen zu machen, dass deren Mutter sie eine halbe Stunde zuvor noch dem Jugendamt in Berlin übergeben lassen wollte. Staunend und zum Raunen beeindruckt bekamen die fünf Kinder nun gesagt, dass deren Mutter sie im Gegensatz zum Stiefvater (meiner Person) endlich und gebührlich im Hause von Millionären unterbringen würde. „Oh, Mama, das ist alles so aufregend! Ich finde es toll, dass Du so viele schöne Dinge für uns organisierst!“, sprach die älteste Tochter im Stile der Therapeutin ihrer Mutter. Und „Mama, i love you. Du bist die beste Mama der Welt!“, versicherte der älteste Sohn. Die hier angewandte Kontrollsucht und das zu diagnostizierende Aufmerksamkeitsdefizit jener Lisa entsprachen offenkundig dem „Krankheitsbild“ einer tiefen Spaltung, welcher die im Stile einer „kleinen Prinzessin“ erzogene Frau meines fallenden Begehrens (Lisa) zunehmend unterlag. Auf den letzten Metern vor dem Zuhause unserer Retter blickte mich Lisa an und sprach: „Ich liebe es, wenn Du erfolgreich bist und es vermagst, Dir Vorteile aus den Möglichkeiten anderer zu verschaffen. Heute Nacht gehöre ich Dir – wann Du willst, wie Du willst und wo Du willst.“

Das zunehmend sonderliche Verhalten meiner Gespielin stimmte mich wachsend nachdenklich. Eben waren wir am Haus angekommen, als auch schon Familie und Nachbarschaft Stephánes‘ zum Gruß erschienen. Christiane umarmte und küsste Lisa, als würde sie eine langjährige Vertraute willkommen heißen. Freudig wurden die Kinder einander vorgestellt und aufgeregt sprang “Bomboo“ – der Hund der Familie – an den Ankömmlingen hoch. Sofort teilte man uns zwei Räume des großzügig angelegten Gutshofes zu, verlegte für uns Matratzen und Bettwäsche, händigte Handtücher und Kosmetika aus und zeigte uns Toiletten sowie Bäder. Überwältigt von der Herzlichkeit jener Menschen hörte und staunte ich, als hätte sich für mich der Quell absoluter Güte und Großzügigkeit ergossen.

Hände schüttelnd übergaben uns die Nachbarn frische Brote, Baguettes, Aufstriche und Käsestücke, um sich hernach freundlich zurück zu ziehen. Auch unsere Herbergsgeber empfahlen sich und wünschten uns eine gute Nacht. Sofort schliefen die Kinder ein und Lisa holte zu sich, was ihr an mir gefiel. „Ich habe Hoffnung, dass nun alles gut wird, Tom.“, sagte sie. Und: „Nun bin ich bereit, von Dir ein Kind zu empfangen.“ Bis zum Einbruch des Morgengrauens erhielt sie wiederkehrend, was zu haben sie willens war. Stunden zuvor hatte sie mir im Fluss ihres abgründigen Hasses noch „Stück Scheiße!“ zu geraunt. Nun wollte sie die Frucht des “Mannes ihrer zweiten Wahl“ austragen. Ich war gänzlich geblendet und wissentlich getäuscht worden. Diese Frau erschien als die “personifizierte Irrung mit A**** und B****“. Stets fühlte ich mich physisch auf dem Höhepunkt und vermochte jede noch so harte lebensnahe Situation zu meistern. Diesem vollends weiblichen Gerippe jedoch beliebte ich vorab nicht Paroli zu bieten. Ich ließ also mit mir machen und mich bis an die staubigen Sohlen meiner geschundenen Füße erniedrigen. Noch.

Es war Tag drei der Anwesenheit im offenen Haus unserer liebenswürdigen Gastgeber und Lisa fand offensichtlich Gefallen an den noblen Avancen von Stepháne, welcher sich – wie zahlreich Männer ihres Umfelds – von den durchdacht platzierten Koketterien meiner Gefährtin blenden ließ. Wiederkehrend und absolut effizient brach sie unverhofft in Tränen aus, ließ sich von Stepháne umarmen und mit “my Darling“ (“mein Liebling“) bezeichnen, trösten und zu Vier-Augen-Gesprächen in Abgeschiedenheit bitten. Freilich blieben die widerlich listigen Strategien Lisas‘ auch Christiane nicht verborgen. Wenige Tage nach unserer Ankunft erkrankte Christiane schwer an Migräne und erlitt eine halbseitige Lähmung mit linksseitiger Erblindung. Als Lisa, die Kinder und ich nach einem Tagesausflug die Terrasse unserer Quartiergeber betraten, saß Christiane in wirklich bedauerlichem Zustand in einem Lehnstuhl, hielt ihre Augen geschlossen und ertrug regungslos ihren Schmerz. Da Stepháne sogleich aus dem Haus eilte, Lisa umarmte und die Kinder begrüßte, sprach ich ihn auf den tief berührenden Zustand Christianes‘ an. Als Reaktion erhielt ich ein banales: „Oh, das ist schon in Ordnung. Es geht ihr bereits besser. Lasst uns gemeinsam das Abendessen einnehmen.“ Und Lisa zugewandt sprach er: „Und Du, mein Darling? Hilfst Du mir in der Küche?“ Merklich errötend wandte Lisa mir nun den Rücken zu, wiegte ihren Kopf geziert und folgte Stepháne von der Terrasse in die Küche. Just in diesem Moment sprang Christiane aus ihrem Lehnstuhl auf, stürmte in die Küche, machte Lisa hörbar klar, dass die Küche jenes Hauses die Domäne der Hausbesitzerin war und komplementierte Lisa aus dem Berührungsbereich ihres Mannes Stepháne.

Schleichend war die Dunkelheit eingetreten und schweigend nahm die Gemeinschaft am schweren Salon-Tisch Platz, um das von Christiane bereitete Abendmahl einzunehmen. Liebevoll hatte sie den Tisch vollständig gedeckt und beeindruckend üppig präsentierte sich die Speisenfolge in Schüsseln, Kasserollen und auf Serviertellern. Sorgsam wurden Nudel-Salate, Aufläufe und Saucen aufgetan. Festlich erhellten die zahlreich auf und an der Tafel brennenden Kerzen die Runde und andächtig begannen die Kinder zu beten. Das Vaterunser wurde in Deutsch und Französisch gesprochen, schließlich nahmen sich alle an den Händen und wünschten einander “Bon appétit!“ und “guten Appetit“. Beinahe hätte ich – genussvoll essend gelernt, diese Geste der Güte und Großzügigkeit vollends anzunehmen, hätte Lisa jene Zeit der Stille und Dankbarkeit nicht mit ihrem Einwand unterbrochen: „Tom, Du frisst, wie ein Bauer.“ Christiane erwiderte: „Ach, Lisa, es ist doch chön, wenn es Deinem Mann schmeckt. Ich finde es toll, wenn ein Mensch sich auch dem Genuss hin gibt.“ Wie vom Bösen selbst geritten, raunte mir Lisa nun zu: „Tom, Tom, Tommilein, hat nun eine neue Mami gefunden. Rühre mich heute bloß nicht an. Eure schleimige Freundlichkeit ist widerlich. Du kannst ja nun die Fette f*****.“

Ohne weitere Bezugnahme hatte sich – ihren Kindern gleich – auch Lisa den Bauch voll geschlagen und ich bedankte mich bei unseren Tischherren. Lisa verfügte sich mit ihren Kindern zu den Bädern und ich bot Christiane meine Küchendienerschaft an. Stepháne brachte seine beiden Töchter zu Bett und so ergab sich zwischen Christiane und mir an der Spüle ein tiefsinniges und ehrliches Gespräch. „Tom, Du musst nichts zu Typus und Charakter Deiner Lisa sagen. Auch Stepháne hat die Absichten Deiner Frau längst erkannt. Wir sind ganz bei Dir und helfen, sobald Du Hilfe brauchst. Gut? Keine Sorge, ich habe jede Silbe aus dem Mund Deiner Frau gehört und rate Dir deshalb dringend, Deine Entscheidung zu überdenken. Diese Frau wird Euch alle zerstören. Glaube mir. Mein Mann vertritt die gleich Meinung.“ Aus vollem Herzen stimmte ich Christiane zu. Dennoch äußerte ich meine Bedenken, da ich mich doch erst kürzlich dazu entschlossen hatte, Lisa und ihren Kindern zu helfen, ja sogar mein Leben zu geben, um diesen liebens- und bedauernswerten Zöglingen den Verlust des Vaters zu erstatten. Freundschaftlich berührte Christiane meine Schulter und versicherte mir, für mich zu beten. Die in Aussicht gestellten Gebete zugunsten meiner Entscheidungsfindung nahm ich gerne an und dankte Christiane. Freundlich zog ich mich zurück und begab mich zu den Räumlichkeiten, in welchen Lisa und die Kinder bereits schliefen. Als ich mich an der Seite Lisas‘ auf die Matratzen legen wollte, merkte ich, dass jene für mich bestimmte Bettstatt gut einen Meter von der ihren entfernt lag. Auch das mir zugedachte Kissen lag auf jener und die sonst gemeinsam genutzte Bettdecke diente nun Lisa alleine als wärmendes Element. Mir hatte sie ein Leinentuch an das Fußende meiner Schlafstätte gelegt.

Brennend ereilte mich die Erinnerung an die geflüsterte Nachricht Lisas‘: „Tom, Tom, Tommilein, hat nun eine neue Mami gefunden. Rühre mich heute bloß nicht an. Eure schleimige Freundlichkeit ist widerlich. Du kannst ja nun die Fette f*****.“ Ja, ich hatte verstanden. Die Tränen dieser Nacht gehörten meinen geliebten Söhnen John und Theo. Ihnen war ich nun nicht mehr ihr einer Vater und den Kindern Lisas‘ durfte und konnte ich keiner sein. Meine Schuld am Verlust des Zeugers und Vertrauten meiner Söhne traf mich hart. Guten Glaubens an den kommenden Tag besiegte mich der Schlaf.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten