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Anatomie einer Beziehung - Januar 30, 2024

Anatomie einer pathogenen Beziehung 01

Dies ist mein Abschiedsbrief, vielmehr das Tagebuch meines Sterbens aus jener kranken und dem Tode nahen Beziehung, welche wir beide mit einer zwanghaften Eheschließung in deren Entschlafen noch krönten. Selbst der Versuch der körperlichen Einung auf dem von Büchern gestützten Bett eines viertklassigen Hotels in Tondern/Dänemark war geprägt von Deiner Neigung zur Absenz: Denn dort lagst Du – regungslos und desinteressiert. So küsse ich Dich unglücklich ein letztes Mal auf Deine Lippen, um Deinen Leib hernach für immer zu umarmen. Los lasse ich Dich niemals. Die Vielzahl der Verluste, der Reigen schmerzlicher Diebstähle Deinerseits und die Hochzahl an Schlägen, welche zu erfahren ich genötigt war, wiegt zu sehr. Ich gebe lediglich der Sorge und der Trauer den finalen Gruß. Du aber, meine Frau, meine geliebte Holde, mein Gedanke und mein halbes Sein, wirst von mir gehalten, begehrt und just verzehrt. Du bist, was Du bist: Du.

Im Mai 2005 erhielt ich einen Anruf von meinem einstigen Nachbarn Hermann* (*Name geändert), welcher mich – wie stets – fröhlich und guten Mutes begrüßte: „Tömmchen, ich weiß, Du hast wahrlich wichtigere Dinge zu tun, als einem Privatier bei der Bewältigung seiner minderen Computer-Probleme zu helfen, doch habe ich nun eine recht spezielle Sache. Seit geraumer Zeit kenne ich aus meinem beruflichen Umfeld eine Dame, welche fünf Kinder, einen Vollidioten als Mann und keine Kohle hat. Darf ich dieser Frau Deine Rufnummer geben, sodass du selbst entscheiden kannst, ob Du jener hilfst oder nicht?“ Sofort stimmte ich zu, erhielt wenige Minuten später den Anruf der Dame und bestieg unverzüglich mein Fahrrad, um das Haus der nahe wohnenden Unbekannten aufzusuchen. Zögerlich betrat ich den Vorgarten der Familie und fand ebenda eine Schar in Blumentöpfen wühlender Kinder zwischen drei und zehn Jahren vor. Inmitten ihrer launigen Vogelschar hockte – sauber und wie zum Tanz gekleidet – eine ob ihrer Zierlichkeit scheinbar dem Hungertod nahe Person weiblichen Geschlechts. Aus nächster Nähe erkannte ich ein gänzlich sorgenvolles Gesicht, traurige Augen und anwohnend große Mühe am Erhalt der Fröhlichkeit ihrer offenkundig ängstlichen Zöglinge. „Guten Tag, ich bin der durch unseren gemeinsamen Bekannten vermittelte Computer Mann“, sagte ich. Merklich errötend erhob sich die Dame und reichte mir anstelle der von Blumenerde beschmutzten Rechten zum Gruß ihren Ellenbogen: „Schön, dass Sie so rasch kommen konnten.“ Nun blickte die Fremde zu ihren Kindern, welche auf die unausgesprochene Aufforderung der Mutter reagierten: „Guten Tag, Computer-Mann“, grüßten die Kleinsten. Freudig reichte mir ein Küken nach dem anderen seine Hand zum Gruß. Nachdem das witzige Händeschütteln ausreichend zelebriert war, bat ich die Dame, mir den “elektronischen Patienten“ zu zeigen. Im Gehen stellte ich mich mit Namen vor und erhielt als Antwort: „Danke, freut mich. Mein Name ist Lisa* (*Name geändert). Über die Dauer von drei Stunden behielt ich an jenem unmerklich beschädigten Notebook Platz. Wohl waren die mit dem Gerät bestehenden Probleme nicht wirklich markant, doch ergab sich über die gesamte Zeit ein auf dem Treppenabsatz endendes Gespräch mit der Mutter jener Kinder. Freimütig erzählte sie aus den üblen Zeiten ihrer 15-jährigen Ehe (welche sich bereits in der Phase der gerichtlichen Scheidung befand), verständnisvoll lachend gab sie Episoden aus dem Leben ihrer Kinder zum Besten und willig fügte ich Teile meiner Erfahrungen hinzu. Da ich mich nach kaum erledigter Arbeit aber erschöpfendem Gespräch wieder auf den Weg zu meinen Kindern machen wollte, erhob ich mich, reichte die Hand zum Abschied und merkte, dass jene der Dame von Schrunden und Rissen übersät war. Die Beschaffenheit dieser offenbar durch intensive Arbeit geschundenen Haut imponierte mir.

„Danke für Ihre Zeit. Was schulde ich Ihnen?“ Eine Frage mit derart unangenehmem Charakter kam mir absolut ungelegen. „Nun, Hermann hat mir bereits mitgeteilt, dass Sie es aktuell etwas schwer haben. Wenn sie mit EUR 50,00 einverstanden sind, berechne ich den nächsten Besuch nicht.“ Merklich peinlich berührt griff Lisa nach ihrem Portemonnaie, zog den einzigen Geldschein aus diesem und sprach: „Ich gebe Ihnen gerne EUR 100,00. So darf ich sicher sein, dass Sie auch wieder kommen.“ Von dieser recht sonderbaren Entscheidung berührt nahm ich den Geldschein, dankte und vereinbarte einen weiteren Termin.

Kraftvoll trat ich auf dem Nachhauseweg in die Pedale. Nach dem Eintreten in das Appartement meiner Familie erzählte ich Sandra von den jüngsten Erlebnissen und brachte somit niedere Empfindungen aus deren Pool an Energien in Bewegung, welche binnen weniger Monate die bereits über Jahre glückliche Beziehung vernichten sollten.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten