myfather.blog

Wenige Sekunden ...

Anatomie einer Beziehung - April 5, 2024

Anatomie einer pathogenen Beziehung 09

Sofort begann die Unterworfene, die Rufnummer des Chefarztes für Orthopädie zu wählen, erklärte kurz die “gefährliche Dramatik“ des medizinischen Falles und erreichte das umgehende Erscheinen des eben noch am geöffneten Patienten stehenden Mediziners. „Dr. Bertini* (*Name geändert), mein Name.“, sprach dieser und reichte die Hand zum Gruß. „Wie geht es Ihnen?“, fragte der gute Mann auf Französisch. „Was für eine unkluge Frage?“, antwortete Lisa in deutscher Sprache. „Sind hier alle nur dumm?“, ergänzte sie. „Danke, ich spreche auch ein wenig Deutsch.“, entgegnete der Arzt. Hoch errötet stand Lisa in ihrer Hilfebedürftigkeit jenem Mann gegenüber, den sie eben als Blödkopf bezeichnet hatte, welcher sie jedoch – bei sonstiger Anzeige – sofort operieren musste. „Also, ich sehe, wir müssen hier tatsächlich sofort eingreifen. Ich schlage vor, dass wir sie sofort stationär aufnehmen und für den heutigen Abend auf die Operation vorbereiten. Ist das in Ihrem Sinn?“, sprach der Chirurg. „Ja, danke. Entschuldigen Sie bitte meine Unfreundlichkeit von vorhin.“, brachte Lisa nun ein. „Kein Problem, Sie stehen unter massivem Stress und haben große Schmerzen. Ich fühle mit Ihnen.“ Sofort wurde Lisa vom OP-Helfer in einen Rollstuhl gebeten, zur Abteilung für Computertomographie gefahren und untersucht. Gleichzeitig bat ich Christiane und Stepháne, deren freundliches Angebot auf Übergabe der Kinder annehmen zu dürfen und fuhr die Mäuse zu ihrer noblen Notunterkunft in den Weinbergen zu Bugnaux.

Eilig machte ich mich auf den Weg zurück nach Genf, um Lisa in ihrem Schmerz bei zu stehen. Als ich das Hospital erreicht hatte, lag Lisa bereits auf dem OP-Tisch und erhielt ihren gebrochen Ellenbogen mit Schrauben und Drähten zusammen gefügt. Zweieinhalb Stunden später hatte der Operateur sein Meisterwerk an Lisas‘ Ellenbogen vollendet und ließ die Verletzte in das Aufwachzimmer fahren. Eine weitere Stunde hernach öffnete Lisa zögerlich ihre Augen und sprach: „Ach, Frank, Dich als ersten Menschen nach der Operation zu sehen, macht mich glücklich.“ Wieder hatte mich Lisa namentlich verwechselt, weshalb ich vorsichtig richtig stellte: „Lisa, ich bin Tom. Schön, dass Du wieder wach bist.“ Selbst wenige Minuten nach dem Erwachen aus der Narkose hatte Lisa die Energie, Bosheiten los zu lassen: „Meine Güte, sch*** Dich doch nicht an, ich bin eben noch nicht vollends klar im Kopf! Du weißt doch, dass ich Dich meine.“ Ich antwortete: „Ja, ich bin Tom. Jener Tom, mit dem Du beinahe täglich mehrfach f*****, den Du täglich k****, mit welchem Du täglich Deine Kinder erziehst, mit dem Du seit Monaten lebst. Diese halbe Gemeinsamkeit hat einen Namen. Meinen Namen. Ich bin Tom. Danke.“

Nun nahm ich ihre rechte Hand, k***** diese und versicherte, dass die Kinder wohlauf und in bester Obhut seien. „Tommi, ich werde ab sofort ausnahmslos lieb zu Dir sein. Versprochen!“, beteuerte sie. „Niemals mehr werde ich Dich beschimpfen oder gar schlagen. Ich habe mich im Zaum. Weißt Du, ich hatte während der Operation einen Traum. Demnach werden wir beide noch ein Baby bekommen. Ein süßes, blondes Engelchen mit strahlend blauen Augen. Ich weiß, was ich Dir zu verdanken habe. Du hast uns in Berlin wirtschaftlich über die Runden gebracht, meine Kinder und mich vor den Behörden verteidigt und sogar Deine beiden Söhne zurück gelassen. Auch ich habe vor 25 Jahren einen Sohn verloren und kann sagen, Dich zu verstehen. Du bist gut, Tom, mein Tommi. Danke. Ich liebe Dich.“

Lisas‘ Rührseligkeit schwand rasch und bereits zwei Tage später war ich ob ihrer Wutausbrüche wieder zum “A********, “Blödmann“ und “Dummkopf“ mutiert. Vom Krankenbett aus dirigierte sie Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal – und mich. Die Lächerlichkeit meiner Position ergab sich keinesfalls aus der Tatsache, dass ich mich willenlos der Egomanie einer unterdurchschnittlich begabten Deutschen aus Berlin-Reinickendorf unterwarf, vielmehr aus dem Umstand meiner gereiften s******** Gewöhnung. Eines Tages stellte ich für mich fest, dass ich jede geschlechtliche Handlung an und mit Lisa lückenlos verbalisiert wiedergeben konnte. Die Namen der zahlreichen Helfer in der täglich besuchten Klinik hatte ich mir jedoch niemals eingeprägt.

Die Tage des Klinikaufenthalts Lisas‘ waren gezählt, mein Weib hatte ihren heilenden Arm in eine blaue Armstütze geklemmt bekommen und zügig fuhren wir los, um die Kinder aus Bugnaux abzuholen. Da die Einsicht des Zwillingsjungen das Ausmaß der Verletzung seiner Mutter betreffend keinesfalls kommen wollte, sprang dieser an ihr hoch und gebrauchte den vom Wundschmerz erfüllten Arm dieser als Kletterhilfe. Laut schrie sie auf und warf den Jungen zu Boden. Anstelle die Schutzbedürftigkeit seiner Frau Mama erneut zu erklären, erhielt der kleine Mann wegen “ungebührlichen Verhaltens“ eine von Lisa über Jahre fragwürdig erfolgreich angewandte Maßregelung unter dem Titel “Timeout“ (“Auszeit“). Winselnd verkroch sich das Bübchen unter dem Terrassentisch und verblieb ebenda für den zeitlichen Rest des Aufenthalts am Haus unserer Freunde.

Der August 2007 war nicht mehr, ein warmer September stellte sich ein. Endlich hatten wir ein Häuschen in Tartegnin, unweit der herrlichen Ortschaft Bugnaux gefunden. Die Kinder waren „ordentlich“ eingeschult und erhielten Unterricht in französischer Sprache. Besonders der als “Piccolino“ bezeichnete Sohn Lisas‘ erwies sich als sprachlich talentiert und fand rasch die Anerkennung seiner Klassenkollegen, ebenso jene seiner Lehrer. Als wir eines Abends zur Elternrunde eingeladen waren, legte die Klassenlehrerin des Burschen Lisa und mir bunte Malereien nackter Menschen vor, aus deren Gesäßen rotbraune Dinge wuchsen. Bedauerlicher Weise wurden die künstlerischen Arbeiten des kleinen Meisters als “s****** motiviert“ abgetan, weshalb man überlegte, den Braven aus dem Klassenverband aus zu schließen und das Jugendamt zu informieren.

Die pädagogische Potenz der hübschen S**losen (der Lehrerin also) reichte jedoch nicht, um vor Dramatisierung des Ereignisses die Mutter des Jungen anzusprechen oder auch mich zu befragen. Da der Ursprung jener klaren, sogar witzigen Belanglosigkeit bekannt war, raste ich im PKW zum neuen Haus hoch, holte das Buch eines japanischen Autors und verlas den Titel: „Everybody poops!“. Lisa hatte die US-Fassung jenes größtenteils textarmen Werks vor Jahren erworben, um ihren Kindern zu zeigen, dass jedes Lebewesen auf des Schöpfers schöner Welt eines Tages k***** muss. Nach etwa dreistündigem Diskurs waren alle Unklarheiten bereinigt und Lisas‘ Sohn “Piccolino“ durfte weiterhin die bereits in Verlust befürchtete Klasse besuchen.

Zufrieden fuhren wir nach Hause und verlasen erneut das Buch des asiatischen Schreibers: „… even a Giraffe poops!“, stimmte ich an und fügte die entsprechend unanständigen Geräusche hinzu. Bis zur Krümmung lachten sich die Kinder in den Schlaf. Dies war ein guter Tag.

© Tom Landon, Autor – alle Rechte vorbehalten